Schriftsonar – Der SciFi Podcast

Ian McDonald - LunaWieder einmal ist FC Stoffel nicht alleine in der Umlaufbahn um den Bücherplaneten, sondern hat sich mit Ivo und Patrick fachkundige Verstärkung dazu geholt. Akustisch nicht ganz so intim (man hört deutlich den Raum) dafür aber mit hoffentlich anregenden Diskussionen.

Mit kindlicher Freude erforscht Kai Meyer mit seinen Roman Die Krone der Sterne jenen Sense of Wonder, den wir alle in unserer Jugend angesichts der phantastischen Weltraumärchen der Marke Star Wars oder Battlestar Galactica verspürten. Und so begegnen wir in seinem Roman einer Ausstattungsorgie ohne Gleichen: Eine Gottkaiserin, einen Hexenorden und 30 Kilometer hohe Weltraumkathedralen mit Hyperraumantrieb. Wir gehen der Frage nach, ob das auch bei Erwachsenen noch Aufregung und Staunen sorgt.

Als „Game of Thrones auf dem Mond“ angepriesen kommt Ian McDonalds Luna zunächst als gehobener Unterhaltungsroman daher. Er selbst nennt als Inspiration die alten TV-Serien Dallas und Denver. Und tatsächlich gibt es da einige Parallelen bei der Geschichte um die fünf Familienclans die ihre Geschäftsinteressen auf dem Mond mit allen Mitteln verteidigen. Uns stellt sich die Frage: Ist dies nun McDonald Light, oder gibt es nach wie vor genügend Komplexität und verschachtelte kulturellen Hintergründe, um diesen Roman zu einem echten Ian McDonald zu machen?

In die Guardian Top 5 Liste der Kulturromane von Ian M. Banks hat es Surface Detail nicht geschafft. Zu Unrecht, meint Patrick und erläutert uns, warum dieser Roman alles hat, was wir an Ian M. Banks so schätzen: Die denkenden Schiffe, der Humor, die atemberaubenden Settings (hier eine digitale Hölle) und nicht zuletzt natürlich die „Kultur“. Eine Space Opera, wie sie nur Banks zu schreiben verstand. Und überhaupt ist eine Top 5 für diesen Ausnahmeautor eh viel zu kurz gegriffen.

Machen wir uns nichts vor. Mehr und mehr verlagern die Menschen ihr Gehirn nach außen in die digitalen Geräte. Daniel Suarez hat lange Zeit als Programmierer für Logistik-Software gearbeitet und erlebt, wie Menschen ohne Nachzudenken den Anweisungen auf dem Bildschirm Folge leisten. Was nun, wenn sich dies ein findiger Kopf zu Nutze macht, um mit einer Reihe von Skripten, die von bestimmten Ereignissen getriggert werden, Handlungen zu provozieren, die die Welt ins Chaos stürzen? Wer glaubt, daß dies fernste Dystopie sei, hat noch nie die Bekanntschaft mit Menschen in Call-Centern gemacht, die nur ihren vom Computer vorgegebenen Gesprächspfaden folgen können.

Sehenswert auch der TED Talk von Daniel Suarez: The kill decision shouldn’t belong to a robot.

Kleiner Nachtrag: Der englische Text wurde nicht von Jessica DiNapoli sondern von Anja Brüggemann gelesen. Das hat sich kurzfristig nach der Aufnahme des Gesprächs mit Ivo und Patrick erst ergeben.

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Datastream:
Kai Meyer: Die Krone der Sterne. 464 Seiten. FISCHER Tor (26. Januar 2017). ISBN: 978-3596035854

Ian McDonald: Luna. 512 Seiten. Heyne (12. Dezember 2016). Übersetzung: Friedrich Mader. ISBN: 978-3453317956.

Ian M. Banks: Surface Detail. Orbit (2011). Deutsche Ausgabe: Krieg der Seelen. 800 Seiten. Heyne (12. Dezember 2011). Übersetzung: Andreas Brandhorst. ISBN: 978-3453528710

Daniel Suarez: Daemon. 640 Seiten. Rowohlt (2. Mai 2011). Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann. ISBN: 978-3499256431

Daniel Suarez: Dark Net. 480 Seiten. Rowohlt (2. Mai 2011). Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann. ISBN: 978-3499252440

Daniel Suarez: Kill Decision. 496 Seiten. Rowohlt (2. April 2013). Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann. ISBN: 978-3499259180

Musik zur Sendung:
Jan Grünfeld – Music for Plants

Robert Corvus, GrauwachtDie Gamer sind unter uns – und sie sind wie Du und ich. Ganz normale Menschen, die vielleicht in den 80er schon mit der Einstiegsdroge Pong mit dem Gamer Virus infiziert wurden. Und es gibt viele Geschichten über sie zu erzählen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einige der besten deutschen sind in der Anthologie Gamer versammelt.

Endlich unsterblich, doch die Maschinen regieren die Welt – Andreas Brandhorst betritt mit seinem Roman Das Schiff eine neue Welt, in der nicht alles Eitel Sonnenschein ist, was zunächst so verlockend daher kommt. Hier geht es um all die großen Fragen der Menschheit; die Grenzen der Erkenntnis und des eigenen Ichs. Große Themen in einem dicken Buch. Aber reicht das für einen großen Roman?

Der Tag naht und die Metropolen müssen geräumt werden. Auf Bisola dauert eine Nacht ein ganzes Menschenleben und wenn der Tag anbricht, müssen die Menschen den Echsen ähnlichen Sassek weichen, um die Städte am Tag ihnen zu überlassen. Die Grauwacht sichert das Jahrhunderte alte Abkommen. Doch noch nie waren sie mit einem blauen Licht in der Dämmerung und den damit einhergehenden seltsamen Phänomen konfrontiert. Oder vielleicht doch, und das Wissen darüber ist nur verloren gegangen? Robert Corvus würzt seine Fantasy Erzählung mit einer guten Prise Sci-Fi, mischt dann noch einmal alles gut durch und erschafft so eine fantastischen Genre Mix, der Lust auf mehr macht.

Die Verbrechen an der Menschheit begehen die Menschen alle selbst. Arno Behrend erzählt in seinen 16 Kurzgeschichten von einer Welt, in der die Menschheit einfach nichts dazulernen will. Dieselben Fehler werden immer und immer wieder gemacht und nur wenige Aufrechte versuchen dagegen zu halten. Schuldig in 16 Fällen sind wir mindestens alle, und Arno Behrend legt den Finger tief in die Wunden unserer Neo-Liberalen-Gesellschaft. Und doch gibt es in jeder der Geschichten immer auch einen Funken Hoffnung. Vielleicht geht ja doch nicht alles den Bach runter. (Kleiner Nachtrag: Die Story „Small Talk“ erhielt 2003 den Deutschen Science Fiction Preis. Hatte ich im Podcast vergessen zu erwähnen).

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Datastream:

A. Skora, A. Rößler, F. Hebben (Hrsg): Gamer. 300 Seiten. Begedia Verlag (10. Juni 2016).
ISBN: 978-3957770707

Andreas Brandhorst: Das Schiff. 544 Seiten. Piper (5. Oktober 2015)
ISBN: 978-3492703581

Robert Corvus: Grauwacht. 432 Seiten. Piper Taschenbuch (19. Januar 2015)
ISBN: 978-3492269940

Arno Behrend: Schuldig in 16 Fällen. 364 Seiten. p.machinery Michael Haitel (28. August 2014)
ISBN: 978-3957650078

Die Musik zur Sendung:
Broke For Free – XXVII licensed under CC BY-NC-SA.

FC Stoffel bekommt dieses Mal Verstärkung: Nicht nur Michael kehrt für einen Gastauftritt zum Schriftsonar zurück, mit Patric und Ivo gesellen sich zwei weitere enthusiastische Leser zu den beiden alten Hasen.

Aus Anlass der aktuellen Award Season werden wir kurz beleuchten, wie inspirierend die Lektüre der einschlägigen Nominierungen  für das Befüllen der persönlichen  “To-Read-List” sein kann. Der Beweis für diese These wird dann sogleich geführt. Wir besprechen Bücher, die entweder nominiert sind oder nach unserer Meinung dringend nominiert gehört hätten. Und in denen es verblüffend oft um Generationsschiffe und vernichtete Zivilisationen geht…

Arche und Arachniden – Ein Terraforming-Projekt läuft schief, und statt der geplanten Affen kommen Spinnen in den “Genuss” des Evolutionsvirus…. den Menschen von der zerstörten Erde, die Jahrtausende später hier eine neue Heimat suchen, wird ein unerwarteter Empfang bereitet.  Adrian Tchaikovskys CHILDREN OF TIME ist ein Meisterwerk, das zurecht auf der ClarkeAward Shortlist steht.

Keine Arche – aber ohne Apokalypse, welche  große Teile der Menschheit hinwegrafft, kommt auch dieser Roman nicht aus. Dazu gesellen sich virtuelle Realitäten und künstliche Körper, alte und neue Welt, Vergangenheit und Zukunft. William Gibson kehrt gereift zu seinen Themen aus den 1980er Jahren zurück und erweitert sie um Zeitreisen und Alternativwelten. Nach Gibsons eigener Aussage zwar “pretty standard plot devices”, aber sein aktuelles Werk ist mehr als die Summe dieser Teile und wir werden erfahren, wie viel Cyberpunk in THE PERIPHERAL zu finden ist.

Robinsons Arche – “The best generation ship novel I have ever read”, schreibt Adam Roberts über Kim Stanley Robinsons AURORA. Und wir können hier kaum widersprechen. EIn großes Werk über lange Reisen in engen Schiffen und noch so viel mehr, wie zu hören sein wird.

Arche statt Mond – Der Mond ist explodiert, die Menschheit hat zwei Jahre Zeit, ein Überleben der Zivilisation im All zu ermöglichen, bevor die Trümmer die Erde unbewohnbar machen werden.   Episch, spannend, anstrengend … Neil Stephensons SEVENEVES (dt.: AMALTHEA), nominiert für den Hugo.


Weiterführende Links:
Hugo Award Shortlist 2016
ClarkeAward Shortlist 2016
Review von Adam Roberts über “Aurora”

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Datastream:
Adrian Tchaikovsky: Children of Time. 608 Seiten. Pan (2016).
ISBN-13: 978-1447273301

William Gibson: The Peripheral. 496 Seiten. Penguin (2015).
ISBN: 978-0241961001
dt. Ausgabe: Peripherie, Tropen Verlag, erscheint am 27. August 2016

Kim Stanley Robinson: Aurora, 528 Seiten. Orbit (2016).
ISBN: 978-03160980902015
dt. Ausgabe: Aurora, Heyne Verlag, erscheint am 14. November 2016

Neal Stephenson: Seveneves. 867 Seiten. Harper Collins (2016).
ISBN: 978-0008132545
dt. Ausgabe: Amalthea. 1056 Seiten. Manhattan (2015). Übersetzung: Nikolaus Stingl & Juliane Gräbener-Müller.
ISBN: 978-3442547623

Die Musik zur Sendung:
Erich Schall – SONDE

Dave Eggers - Der CircleEntweder Du bist für uns, oder Du bist gegen uns. Wenn es nach dem Circle geht, sind bald alle Menschen nur noch mit ihrem TruYou online auf den Plattformern des Circles unterwegs. Und damit zu 100% transparent. Lügen und Geheimnisse gehören dann der Vergangenheit an und die Welt wird endlich besser. Nur, wer würde in einer solchen Welt leben wollen? Außer den Auserwählten des Circles. Ob Dave Eggers Entwurf einer schönen, neuen Welt Wirklichkeit wird liegt (noch) in unseren Händen. Eine gute Anregung, um noch einmal über ein paar digitale Gewohnheiten nachzudenken.

Terry, nenn mir den Verdächtigen. Schon praktisch, wenn ganz Europa von einer Myriade von Drohnen überwacht wird und damit die KI’s von Europol mit Echtzeitdaten versorgen. Die Aufklärung von Verbrechen sollte in einem solchen Drohnenland doch eigentlich ein Kinderspiel sein. So scheint nach einem Drittel des neuen Romans von Tom Hillenbrand auch der Täter bereits gefasst zu sein. Doch hinter den Vorhängen der realen Welt bahnt sich im Echtzeit-Mirrorspace von Eurpol eine Verschwörung an, bei der die Zukunft ganz Europas auf dem Spiel steht. Was hier als Krimi getarnt daherkommt, ist nicht weniger als ein Ausblick auf ein Europa, in dem die Freiheit für vermeintliche Sicherheit komplett aufgegeben wurde. Vielleicht ist es ja doch eine gute Idee, jetzt aktiv zu werden, z.B. mit der Unterstützung von netzpolitik.org.

Beam me up, Rilke. In Das Licht von Duino hat Frank W. Haubold endlich losgelassen und ein fulminantes Ende für seine Götterdämmerung Space Oper hingelegt. Der Dichter Rilke greift zusammen mit Jim Morrison in das Geschehen ein. Die Regentin hat seltsamen Sex mit einem Symbionten. Dr. Mertens züchtet Klone, um sie zu foltern. Das parasitäre Malik Wesen spingt von Wirt zu Wirt und kommt seiner Zielperson immer näher. Und die letzte intergalaktische Schlacht um das Schicksal der Menschheit wird von einem Hunnensturm eröffnet. Frank W. Haubold verknüpft alle losen Enden, läßt einige Dinge im nebulösen und findet gegen Ende zu an Rilke gemahnende lyrische Formen. Ein würdiger Abschluss dieser Trilogie.

Mit der Kraft des heiligen Geistes. Wir schreiben das Jahr Anno Salvatio 423, denn seit 423 Jahren lebt und regiert nun Papst Innozenz XIV das Land mit eisernen Hand. Für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen Erzengel, Inquisitoren und Straßenpriester. Unter letzteren Desmond Sorofraugh, der dank der Kraft des heiligen Geistes übersinnliche Fähigkeiten besitzt. Als er jedoch dem gefallenen Prophet begegnet, beginnt er an der bestehen Ordnung zu zweifeln und begibt sich in den Untergrund. Das Setting in Tom Dauts Roman ist atemberaubend und einfallsreich. Die Action kommt krachend daher. Da macht es auch nichts, das einige Charaktere nicht bis ins letzte psychologische Detail ausgefeilt sind. Übrigens: Falls sich die Gelegenheit bietet, eine Lesung von Tom Daut zu erleben – hingehen. Das macht echt Spaß.

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Datastream:
Dave Eggers: Der Circle. 560 Seiten. KiWi-Taschenbuch (2015). Übersetzung: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann. ISBN: 978-3462048544

Tom Hillenbrand: Drohnenland. 432 Seiten. KiWi-Taschenbuch (2014). ISBN: 978-3462046625

Frank W. Haubold: Götterdämmerung – Das Licht von Duino. 450 Seiten. Atlantis Verlag (2015). ISBN: 978-3864022746

Tom Daut: Anno Salvatio 423 – Der gefallene Prophet. 614 Seiten. Oldigor Verlag (2014). ISBN: 978-3945016237

Die Musik zur Sendung:
Zimmer123 – Various Artists – Selections – Blue

Monica Byrne: Die BrückeWir sind alle eins. Möglich macht dies in Ramez Naams Debütroman die Droge Nexus, die den vollumfänglichen Zugriff auf unsere Gehirnen ermöglicht. Inklusive Uploads von neuen Funktionen und kompletter Vernetzung mit anderen Gehirnen. Transhumanismus ist das Stichwort. Und natürlich kann eine solche Technik nicht allein den Wissenschaftlern überlassen werden, weckt dies doch Begehrlichkeiten bei allen Geheimdiensten, Militärs und Drogekartellen unserer Welt. Ob Nexus nun Fluch oder Segen, Freiheit oder Sklaverei bringt, liegt in den Händen einiger weniger äußerst mächtiger Akteure. Und mitten drin Kaden Lane, der doch nur ein bisschen mit der Droge experimentieren wollte.

Zwei Frauen aus zwei Kontinenten bewegen sich aufeinander zu. Das Mädchen Mariama zieht es von West Afrika nach Äthiopien. Die junge Frau Meena zieht es nach Osten, auf einer gigantischen Brücke aus Pontons zur Energiegewinnung, die im arabischen Meer Indien mit Somalia verbindet. Beide Frauen sind auf der Flucht. Beide erzählen die Ereignisse aus ihrer ganz eigenen Perspektive. Beide Erzählungen sind durch traumatische Erlebnisse in der jüngsten Vergangenheit verzerrt. Und doch scheint das Schicksal beider Frauen miteinander verwoben zu sein. Monica Byrnes Debütroman Die Brücke  fällt in die Kategorie “Mindfuck”, ist dabei aber nie prätentiös oder super schlau geschrieben, sondern stets im Dienste eines bewegenden Psychograms zweier verlorenen Seelen auf der Suche nach Erlösung.

Wie stiehlt man sein früheres Ich? Vor diesem Problem steht der Quantum Dieb Jean le Flambeur im Debütroman von Hannu Rajaniemi. Geist und Körper sind in der fernen Zukunft schon lange nicht mehr eins. In der Gesellschaft der Oubliette auf dem Mars sind alle Erinnerungen in einem Exospeicher abgelegt und der Zugriff darauf erfolgt mittels des Gevulot Sinns. Zeit ist ein kostbares Gut und ersetzt die Währung. Nach Ablauf des persönlichen Zeitkontingents geht es ins Schweigen um als Maschine am Wiederaufbau der Stadt zu arbeiten. Aber ist die strukturelle Integrität des Exospeichers wirklich so unantastbar wie immer behauptet? Eine quantenmechanische Tour de Force die so manchen Knoten in dem ein oder andere Gehirn fabrizieren wird.

Erstkontakt unter dem Zeichen der chinesischen Kulturrevolution. Cixin Liu schafft es in seinem Roman The Three-Body Problem die klassischen Erzählweisen des Golden Age der Science Fiction mit modernen Themen und Formen zu kombinieren. Er verwebt dabei drei Erzählebenen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der Computersimulation eines Dreistern-Systems erleben wir das klassische sense of wonder einer fremden Kultur auf einer fernen Welt. In der Jetztzeit begleiten wir einen Nano-Wissenschaftler bei der Aufklärung einer mysteriösen Selbstmordserie unter Kollegen. Und in den Wirren der Kulturrevolution erleben wir die Vorbereitung eines Erstkontakts, dessen Auswirkung hier bis weit über die Grenzen der Menschheit hinaus spürbar werden. Ganz nebenbei liefert Cixin Liu eine verstörende Erklärung für die quantenphysikalischen Paradoxa. Zu Recht ausgezeichnet mit dem Hugo Award 2015.

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Datastream:

Ramez Naam: Nexus. 624 Seiten. Heyne Verlag (2014). Übersetzung: Bernhard Kempen. ISBN: 978-3453315600

Monica Byrne, Die Brücke. 448 Seiten. Heyne Verlag (2015). Übersetzung: Irene Holicki. ISBN: 978-3453417847

Hannu Rajaniemi: Quantum. 432 Seiten. Piper Taschenbuch (2012). Übersetzung: Irene Holicki. ISBN: 978-3492268752

Cixin Liu: The Three Body-Problem. 399 Seiten. Tor Verlag (2014). Übersetzung: Ken Liu. ISBN: 978-0765377067

Die Musik zur Sendung:
Zimmer124 – Various Artists – Selections – Red

Leonard Richardson: Constellation GamesEine Space Opera ohne Bühnenbild: Ann Leckie verzichtet in ihrem Roman Die Maschinen auf ausschmückende Beschreibungen und liefert Details nur, wenn sie nötig sind. Auch das Geschlecht der Figuren ist in ihrem Universum nur Nebensache. Die Hauptfiguren, Breq und Leutnantin Vendaii, gehören der Kultur der Radch an, die über keine Geschlechtsmerkmale verfügen und dementsprechend auch  bei anderen Rassen die Geschlechter nicht unterscheiden können. In der deutschen, kongenialen Übersetzung von Bernhard Kempen, benutzen sie daher durchgehend das generische Feminin. Ein wichtiger Beitrag zum aktuellen Diversity Diskurs in der SF.

Eine kunterbunte, ausufernd mäandernde Räuberpistole hat Nick Harkaway mit Der goldene Schwarm abgeliefert. Im Gegensatz zu Leckie wird hier jedes Detail liebevoll beschrieben und so dauert es rund 100 Seiten bis das Abenteuer an Fahrt gewinnt. Dann aber gibt es kein Halten mehr. Uhrmacher Joe Spork muss seine Kontakte zur Unterwelt reaktivieren, um zu verhindern, dass der asiatische Superschurke Shem Shem Tsien die gesamte Menschheit versklavt. Unterstützt wird er dabei von der neunzigjährigen Lady Edie Banister, die in ihrem früheren Leben – erzählt in einer zweiten Zeitebene – als Geheimagentin bereits einmal erfolgreich dem Schurken getrotzt hat.

Die Aliens sind gekommen – und haben Videospiele dabei: Leonard Richardson erzählt von einem Erstkontakt der anderen Art. Die Constellation taucht im Erdorbit auf. In der Grußbotschaft an die Menschheit entdeckt Ich-Erzähler und Spielentwickler Ariel Blum im Hintergrund eine Spielekonsole. Auf seine Bitte senden ihm die Aliens ihre Constellation Games und Ariel Blum macht sich fröhlich an die Adaption für den heimischen Markt. Nebenbei bieten die Aliens den Regierungen der Erde an, die Welt vor der Umweltkatastrophe zu retten. Die trauen dem Braten jedoch nicht und versuchen den Erstkontakt streng bürokratisch abzuwickeln und die Aliens auf Abstand zu halten. Zum Glück macht ihnen die weit überlegene soziale Kompetenz der Constellation da einen Strich durch die Rechnung.

Ein Traum ist wahr geworden: Wer anfängt sich für Science Fcition Literatur zu interessieren, stößt recht schnell auf den Hugo Award und fängt an, sich durch die ausgezeichneten Bücher zu lesen. Bisher stand einem bei der Recherche nur online mehr oder weniger lieblos zusammengestellte Listen zur Verfügung und im Netz weit verstreute Rezensionen. Nun hat Hardy Kettlitz in seinem Buch Die Hugo Awards 1953 – 1984 nicht nur die Preisträger sämtlicher Kategorien für jedes Jahr des Hugo Awards fein säuberlich versammelt, sondern liefert zudem auch noch zu jedem Preisträger eine kurze Beschreibung mit. Sei es nun Buch, Novelle, Novelette, Kurzgeschichte, Fanzine, Dramatische Präsentation, oder was auch immer. Zu JEDEM Preisträger aus JEDER Kategorie in JEDEM Jahr.

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Datastream:

Ann Leckie: Die Maschinen. Heyne Verlag (9. Februar 2015). 544 Seiten. Übersetzung: Bernhard Kempen. ISBN: 978-3453316362.

Nick Harkaway: Der goldene Schwarm. Albrecht Knaus Verlag (10. März 2014). 608 Seiten. Übersetzung: André Mumot. ISBN: 978-3813505344.

Leonard Richardson: Constellation Games. Candlemark & Gleam (17. April 2012). 368 Seiten. ISBN: 978-1936460236.

Hardy Kettlitz: Die Hugo Awards 1953 – 1984. Golkonda Verlag (10. März 2015). 315 Seiten. ISBN: 978-3944720715.

Die Musik zur Sendung:

Six Umbrellas – The Psychedelic And

In the Interests of SafetyBig Brother lässt grüßen: Cory Doctorow zeichnet in seinem Jugendroman Little Brother ein realistisches Bild der amerikanischen Terror-Paranoia und den daraus resultierenden Einschränkungen der Grundrechte. Die Hauptfigur Marcus Yallow gerät in die Fänge des Heimatschutzes und hätte mal lieber nicht auf seine Rechte bestanden, denn dadurch bekommt er die gesamte Macht des Überwachungsapparats am eigenen Leib zu spüren. Doch nach seiner Freilassung gibt er sich nicht geschlagen und nimmt den scheinbar aussichtslosen Kampf um die Freiheit mit seinen Hackerfreunden auf.

Whistleblower sind Verräter: Marcus Yallow hat vielleicht eine Schlacht gewonnen, doch der Kampf um die Bürgerrechte geht weiter. In Homeland, der Fortsetzung von Little Brother. geht es nun um den Umgang mit Whistleblowern, das „Leaken“ von brisantem Material, das Unterwandern von Bürgerrechtsbewegungen und den verzweifelten Versuch das Richtige im Falschen zu tun. Cory Doctorow weiß wovon er schreibt und gibt viele Handreichungen und praktische Tipps für all die jungen und alten Menschen, die das Gefühl haben etwas tun zu müssen und für ihre Grundrechte einstehen wollen.

Früher we were free: Colin Free tourt mit seine Crap Metal Band SchrottT durch ein Deutschland, das sich seit der Privatisierung der Polizei bizarr verändert hat. Die Mafia, der Vatikan, die Nigeria-Connection, Nazis und Scientology wachen nun in den einzelnen Bundesländern über Recht und Ordnung, bzw. über das, was die jeweiligen Machthaber dafür halten. Uwe Post schickt seine Protagonisten auf eine Tour de Force durch groteske Sicherheitschecks, absurde Konzertsituationen, bizarre Meet & Greets mit den jeweiligen Polizei-Funktionären und nicht zuletzt extrem bizarre Verhörsituationen. Ein sarkastischer Abgesang auf den Überwachungswahn, bei dem einem mitunter das Lachen im Hals stecken bleibt.

Wieso dürfen wir keine Wasserflaschen mehr mit in Flugzeuge nehmen? Wer sich das auch schon immer gefragt hat und mit den offiziellen Antworten bisher unzufrieden war, findet in dem Buch In the Interests of Safety von Tracey Brown und Michael Hanlon verblüffende Antworten. Viele Regeln, die vermeintlich unserer Sicherheit oder wahlweise Gesundheit dienen, existieren oft aus ganz anderen Gründen als den angenommenen. Die beiden Autoren haben einen wunderbaren Fragekatalog entwickelt um die teils absurden Regeln zu hinterfragen und arbeiten ihn Stück für Stück ab. Dabei lernen wir, wie wir selbst an den richtigen Stellen Dinge hinterfragen sollten und worauf es wirklich beim Thema Sicherheit (oder auch Gesundheit) ankommt. Eine wunderbares Buch um ein wenig Sachlichkeit in den Überwachungs-Diskurs weg vom blinden Aktionismus zu bekommen.

Download: Schriftsonar 49


Datastream:
Cory Doctorow: Little Brother (rororo 2011 – 496 Seiten), Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, ISBN-10: 3499257823

Cory Doctorow: Little Brother – Homeland (Heyne 2013 – 480 Seiten), Übersetzung: Oliver Plaschka, ISBN-10: 3453268830

Uwe Post: SchrottT, (Atlantis 2013 – 230 Seiten), ISBN-10: 386402126X

Tracey Brown & Michael Hanlon: In the Interests of Safety (Sphere Books 2014 – 288 Seiten), ISBN-10: 0751553492

Die Musik zur Sendung:

New Delhi FM – Swim (derkleinegruenewuerfel.de)

Cover: Paolo Bacigalupi - Der SpielerPeak Everything: Paolo Bacigalupi erzählt in Der Spieler Geschichten aus der Post-Kollaps-Gesellschaft, angesiedelt kurz vor den Geschehnissen, die in seinem Debüt-Roman Biokrieg spielen. Der Dalai Lama existiert nur noch als KI-Konstrukt, ein Flötenmädchen lebt allein für ein grausiges Konzert, ein Genfledderer ist die letzte Hoffnung für selbstständige Bauern, ein Chinese kämpft sich durch die Slums von Thailand und ein Journalist im Exil glaubt noch an Nachrichten die nicht reines Entertainment sind. [02:45]

Die heißeste Woche am Bosporus: Börsenmakler auf Nanodrogen versuchen den Deal ihres Lebens abzuwickeln. Ein Kind mit Herzklappenfehler spielt mit Hilfe seiner Spielzeugdrohne Detektiv. Der Vetter eines selbsternannten Imans kann plötzlich mit Djinns reden. Eine Kunsthändlerin macht sich auf die Suche nach dem Mellified Man,  eine in Honig konservierte Mumie. Und ein geschasster Wissenschaftler scheint als Einziger die richtigen Schlüsse aus den rätselhaften Vorgängen rund um das Dervish House zu ziehen. Ian Mc Donald verwebt vielleicht ein paar Geschichten zu viel miteinander, versteht sie aber packend bis zum Schluss zu erzählen. [14:53]

Gegen den Strich gebürstet: Maike Hallmann überrascht mit Pesadillas, Band 58 der Shadowrun Reihe, in dem sie zunächst mit den Klischees und den Grenzen der Reihe spielt – um sie dann den Lesern gekonnt um die Ohren zu hauen. Straßensamurai, Ork, Katzenschamanin, Dunkel Elf, KI-Adept und Cyberpunkerin verhalten sich nur anfangs regelkonform, bevor ihre Welt komplett aus den Fugen gerät und sich von innen nach außen stülpt. Hart und schnell geschrieben. [27:09]

Nicht vom Titel und Titelbild schrecken lassen: In Maike Hallmans großartigem Epos Die Feen geht es weniger um liebreizende Elfen, als viel mehr um Pixies, Herdgeister, Leprechauns, Kelpies und ähnliche düster mysteriöse Wesen rund um ein altes schottisches Dorf – nebst düsterem See und nebelverhangenem Moor. Und um das mysteriöse Schicksal der Jugendlichen eines Internats, das in einem uralten Castle beheimatet ist. Eine schaurig schöne, klassisch erzählte Gruselgeschichte, in der die Schrecken des Erwachsenwerdens eine ganz eigene Wendung bekommen. [36:58]

Download: Schriftsonar 48


Datastream

Paolo Bacigalupi: Der Spieler (Golkonda 2012 – 213 Seiten), Übersetzung: Birgit Herden, Dorothea Kallfass & Hannes Riffel, ISBN 978-3-942-39615-8

Ian McDonald: The Dervish House (Gollancz 2010 – 472 Seiten), ISBN: 978-0-575-08862-7

Maike Hallmann: Shadowrun Bd. 58 – Pesadillas (Heyne 2006 – 428 Seiten), ISBN: 978-3-453-52225-1

Maike Hallmann: Die Feen (Heyne 2011 – 592 Seiten), ISBN: 978-3-453-52851-2

Die Musik zur Sendung
Spiedkiks – Little Smartphone People (rec72.net)

Ernest Cline - Ready Player OneRilke lebt! Frank Haubold entführt uns im zweiten Band seiner Götterdämmerung Trilogie in Das Todeslabyrinth. Dort begegnenen wir nicht nur alten Bekannten sondern auch Jim Morisson und “dem Dichter”. Dementsprechend lyrisch wird das Ganze. Ob das noch was für Fans von klassichen SF-Opern ist? [03:20]

Zombies wohin man sieht: Mira Grant greift das allgegenwärtige Zombie Thema auf und schafft es im ersten Band Feed – Viruszone ihrer Newsfeed Trilogie dem Genre ein paar neue Ideen hinzuzufügen. Dabei führt sie en passant vor, was passiert, wenn die Offline Medien versuchen Katastrophen klein zu reden, während sich die Netzwelt aufmacht die Welt zu retten. [12:58]

Machterhalt um jeden Preis: Nach dem Fallout versucht ein kleiner Teil der Menschheit in einem gigatischen Silo mehr schlecht als recht zu überleben, organisiert in einem streng hierarchischem System. Hugh Howey seziert in seinem Debut Roman Machtstrukturen und stellt implizit die Frage, ab welchem Punkt die Einschränkung von Freiheit einer Gemeinschaft mehr mehr schadet als sie vor vermeintlichen Gefahren von aussen zu beschützen. [22:36]

Hommage an die 80er Jahre: In seinem Roman Ready Player One beschwört Ernest Cline auf ziemlich lässige Weise den Geist der 80er Jahre, eingebettet in eine Rahmenhandlung in der die Suche nach einem “Easteregg” in der virtuellen Welt der sogenannten “Oasis” zu einem bizarren Kampf zwischen David und Goliath mutiert. Ein großer Spass, für alle Nerds, die mit Videospielkonsolen, Textadventuren und dem “Besten der 80er” groß geworden sind. [33:43]

Download: Schriftsonar 47


Datastream

Frank W. Haubold: Götterdämmerung: Das Todes Labyrinth (Atlantis 2013 – 275 Seiten), ISBN 978-3864021213

Mira Grant: Feed – Viruszone (Egmont Lyx 2012 – 512 Seiten), Übersetzung: Jakob Schmidt, ISBN 978-3802584169

Hugh Howey: Silo (Piper 2012 – 544 Seiten), Übersetzung: Gaby Wurster und Johanna Nickel, ISBN 978-3492055857

Ernest Cline: Ready Player One (Arrow Books 2012 – 374 Seiten), ISBN 978-0099560432

Die Musik zur Sendung
Erich Schall – Klong und Rauch (derkleinegruenewuerfel.de)

Kim Stanley Robinson - 2312Von Klassik zur Space Opera: Was mit Rilke beginnt, wird zu einem Weltraumabenteuer mit Sternenbomben und kosmischen Mächten. Frank W. Haubolds Roman Götterdämmerung: Die Gänse des Kapitols ist ambitionierte deutsche SF mit guten Ideen und vielleicht zu wenig Seiten. [00:00]

Rettet Mutter Erde! Der Roman 2312 von Kim Stanley Robinson ist eine engagierte Geschichte über eine Menschheit im All, die nicht ohne ihre Heimat überleben kann. Eine Liebeserklärung an die Schönheit und Größe der Erde. Dieser grandiose Gegenentwurf zum Eskapismus der klassischen Space Opera gehört ganz sicher zu den wichtigen SF Romanen des anbrechenden Jahrhunderts. [12:00]

Was’n netten Quatsch: Kurzweilige Fantasy braucht keinen intellektuellen Tiefgang, um uns von einem dicken Band in den nächsten zu stürzen. Die Kriegsklingen von Joe Ambercrombie sind schnell, witzig, manchmal klug und auf jeden Fall spannend. Wir chillen bei angenehmer Unterhaltungslektüre. [23:30]

Lerne, den Fremden zu lieben: Die Xenogenesis Trilogie Die Genhändler von Octavia E. Butler ist ein wahres Meisterwerk der SF Literatur. Die Geschichte einer verlorenen Menschheit, die sich nur durch Hinwendung zur Fremdartigkeit retten und entwickeln kann, ist ein bewegendes und erzählerisch brillantes Statement zu den Themen Rassismus und Gender. [34:45]

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Download: Schriftsonar 46


Datastream

Frank W. Haubold, Götterdämmerung: Die Gänse des Kapitols (Atlantis 2012 – 241 Seiten)

Kim Stanley Robinson, 2312 (Orbit 2012 – 561 Seiten)

Joe Abercrombie, The First Law Trilogie: Kriegsklingen (Heyne 2007 – 800 Seiten), Feuerklingen (Heyne 2008 – 797 Seiten), Königsklingen (Heyne 2008 – 944 Seiten), Übersetzung: Kirsten Borchardt, Original: The Blade Itself (2006), Before They Are Hanged (2007), Last Argument Of Kings (2008)

Octavie E. Butler, Die Genhändler. Die Xenogenesis Trilogie. Drei Romane in einem Band: Dämmerung/Rituale/Imago (Heyne 1999), Übersetzung: Barbara Heidkamp, Original: Dawn (1987), Adulthood Rites (1988), Imago (1989)

Die Musik zur Sendung
Phonotrash – Elsewhere




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