Schriftsonar Podcast#68 – Tom Hillenbrand, Lydia Yuknavitch, Emily St. John Mandel, Grady Hendrix

Der Wortwitz bietet sich natürlich an. Aber Montecrypto von Tom Hillenbrand ist mehr als nur ein schnell dahin geschobener Roman zu einem der heißen Themen unserer Zeit, der Kryptowährung. Mit dem Privatermittler Ed Dante tauchen wir in einem packenden Thriller ein in die Welt der Finanzmärkte und erfahren en passant so einiges über das moderne Finanzsystem und nicht zuletzt über die Gier, den Wahnsinn und die Hoffnungen auf Erlösung, die (ja eigentlich schon immer) die Finanzwelt fest im Griff hat.

Kann ein Lied einen Genozid überdauern und Hoffnung spenden? Ist eine solche Frage grenzenlos naiv oder die einzig mögliche Antwort auf die Ohnmacht angesichts einer wahnsinnig gewordenen letzten Enklave der Menschheit auf einer Raumstation im All? Lydia Yuknavitch stellt diese Frage monumental, wortgewaltig und einer gehörigen Portion Body Horror mit ihrem Roman Das Lied der Kämpferin in den Raum. Und da steht sie nun. Man kann um sie herum tänzeln, man kann versuchen damit umzugehen, aber ignorieren kann man sie nicht.

Eigentlich der perfekte Roman zur Corona Pandemie, aber nur vordergründig und auch zufällig, da bereits 2014 erschienen. Emily St. John Mandel erzählt in Das Licht der letzten Tage zwar von einer Grippe, die den Großteil der Menschheit binnen weniger Monate dahingerafft hat. Aber eigentlich erzählt sie von einer losen Gruppe von Personen, die wie Motten um einen Schauspieler herum kreisen, ihm zu nahe kommen, oder nur am Rande in Berührung mit ihm stehen. Sie alle versuchen ihrem Leben irgend eine Form von Sinn abzugewinnen. Sowohl Jahre vor als auch Jahrzehnte nach der Pandemie. Einige Dinge ändern sich eben nie im Leben.

Die Slasher Filme der 80er waren Meilensteine des Horrorfilms und werden von Grady Hendrix in The Final Girl Support Club auf intelligente Weise wieder zum Leben erweckt. Quasi ein Meta-Roman zum Thema, der geschickt mit den allseits bekannten Gesetzen des Genres spielt und dabei noch drei, vier Wendungen mehr aus dem Ärmel schüttelt, als es die Post-Meta-Slasher wie „Scream“ oder „Tucker and Dale vs. Evil“ getan haben. Trashig, pulpig, blutig, aber schnell geschrieben und mit rabenschwarzem Humor.

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Datastream:
Tom Hillenbrand: Montecrypto. KiWi-Paperback (4. März 2021). 448 Seiten. ISBN: ‎ 3462001574.

Lydia Yuknavitch: Das Lied der Kämpferin. Deutsch von Claudia Max. ‎ btb (8. März 2021). 352 Seiten. ISBN: ‎ 3442717396

Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage. Deutsch von Wibke Kuhn. ‎ Piper (1. Februar 2017). 410 Seiten. ISBN: ‎ 3492310230

Grady Hendrix: The Final Girl Support Group. ‎ Titan (1. August 2021). 399 Seiten. ISBN: 1789096065

Musik zur Sendung:
Dominik Vogel – Emails from my Future Self

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Schriftsonar Podcast#67 – Joe Abercrombie, Matt Ruff, Diane Setterfield, James Corey

Buchcover

Ein brüchiger Frieden, der nicht lange hält. Joe Abercrombie erreicht mit Friedensklingen den Höhepunkt seiner „Klingensage“, wie sie im deutschen betitelt ist. Der englische Titel „Age of Madness“ trifft es eigentlich besser. Denn alles geht im Zuge der forstchreitenden Industrialiserung den Bach runter und unsere Helden können oder wollen nichts dagegen tun. Selten war das Scheitern angesichts des sinnlosen „Dahingeworfenseins“ in eine verrückte Welt so packend beschrieben hier.

Ein Account ist nicht genug, wenn man als Guide für Online-Rollenspiele arbeitet und die Grenzen dessen was die EULA eigentlich erlaubt mehr als nur ein wenig ausdehnt. Da ist ein zweiter, dritter und warum nicht auch gleich 88er Account schon angebracht. Vor allem, wenn man von einer äußerst mysteriösen Person angeheuert wird, von der man so gar nicht weiß, was man von ihr halten soll. Matt Ruff hat mit 88 Namen einen schnellen, sehr unterhaltsamen Roman in der Welt der MMORPs geschrieben.

Was der Fluss erzählt ist etwas völlig anderes als SciFi oder Fantasy aber nicht weniger fantastisch. Unzählige Lebensgeschichten sind durch den Fluss miteinander verwoben und werden von Diane Setterfield hier meisterhaft erzählt. Sie alle drehen sich um ein ertrunkenes Mädchen, dass eines Nachts in das Gasthaus Swan gebracht wird und dort von dem vermeintlichen Tod zurückkehrt. Doch was genau geschehen ist, ist nicht so einfach zu erklären. Und so entspinnen sich gleich mehrere Geschichten um das Mädchen und die Personen, die sie zu kennen glauben.

The Expanse und keine Ende in Sicht. Die Crew der Rosinante um Kapitän James Holden muss ein ums andere Mal in den Wirren der Auseinandersetzungen von Erde, Mars und der AAP (der Allianz der äußeren Planeten) um ein außerirdisches Protomolekül das Schlimmste verhindern. Dabei sind sie so erfolgreich, daß man bereitwillig ein um das andere Buch verschlingt und mit viel Freude diesen puren Eskapismus genießt.

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Datastream:
Joe Abercrombie: Friedensklingen. Deutsch von Kirsten Borchardt. ‎ Heyne (8. März 2021). 848 Seiten. ISBN: ‎ 3453315341

Matt Ruff: 88 Namen. Deutsch von Alexandra Jordan. FISCHER Tor (25. November 2020). 336 Seiten. ISBN: ‎ 3596700930

Diane Setterfield: Was der Fluss erzählt. Deutsch von Anke und Eberhard Kreutzer. Karl Blessing Verlag (19. Oktober 2020). 576 Seiten. ISBN: ‎ 3896673297

James Corey: Leviathan erwacht (Expanse 1). Deutsch von Jürgen Langowski. Heyne Verlag (13. Februar 2017). 672 Seiten. ISBN : ‎ 3453317815

James Corey: Calibans Krieg (Expanse 2). Deutsch von Jürgen Langowski. Heyne Verlag (13. Februar 2017). 672 Seiten. ISBN: ‎ 3453318021

James Corey: Abbadons Tor (Expanse 3). Deutsch von Jürgen Langowski. Heyne Verlag (13. Februar 2017). 640 Seiten. ISBN: ‎ 345331803X

James Corey: Cibola brennt (Expanse 4). Deutsch von Jürgen Langowski. Heyne Verlag (10. April 2018). ‎ 656 Seiten. ISBN: ‎ 3453318048

James Corey: Nemesis Spiele (Expanse 5). Deutsch von Jürgen Langowski. Heyne Verlag (13. August 2018). 608 Seiten. ISBN: ‎ 3453319400

James Corey: Babylons Asche (Expanse 6). Deutsch von Jürgen Langowski. Heyne Verlag (11. November 2019). 624 Seiten. ISBN: ‎ 345332045X

Musik zur Sendung:
Erich Schall – Mechanische Fabel

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Schriftsonar Podcast#66 – H. Kettlitz & C. Hoffmann, Harry Harrison

Ich (FC Stoffel) habe wieder einmal Ivo und Patric zu Gast und gemeinsam sprechen wir über Harry Harrison, Weltenbummler und Witzbold. Anlass ist das gleichnamige Buch von Hardy Kettlitz und Christian Hoffmann aus der wunderbaren Reihe SF Personality, eine Reihe, die wir gar nicht genug preisen preisen können.

Wir beginnen den Überblick über Harry Harrisons Schaffen mit seiner humorvollen Seite und widmen uns der Stahlratte und Bill, dem galaktischen Held. Von uns allen früher mal gelesen, nur noch halb in Erinnerung und nach einem erneuten Lesen anerkennend aber auch ambivalent beurteilt.

Das Meisterwerk ist natürlich Make Room! Make Room! ein moderner Klassikern, der dem Film Soylent Green mit Charleton Heston und Edward G. Robinson als Vorlage diente. Der Film weicht erheblich von der Vorlage ab. Der Clou des Films (Soylent Green ist Menschenfleisch) ist nicht in dem Roman enthalten und auch die Krimihandlung ist dort eher nebensächlich. Doch gerade die Antklimax der Handlung, die lakonisch, fatalistisch im Nichts versandet macht den Roman zu einem Meisterwerk. Auch, weil wir der Welt die Harry Harrison dort entworfen hat, inzwischen näher sind, als uns lieb ist.

Die enorme Bandbreite der Themen in dem Schaffen von Harry Harrison zeigt sich in seinem Proto-Steampunk Roman Der große Tunnel, im Original A Transatlatic Tunnel, Hurrah! Angesiedelt in einer viktorianisch geprägten Alternativwelt mit einer an Jules Verne erinnernden überbordenen Phantasie geschrieben. Hier ist einmal mehr das Worldbuilding und nicht die Handlung der Star des Romans.

Zum Ende ein riesen Dank an Hardy Kettlitz und Christian Hoffmann, dass sie uns diesen äußerst umtriebigen Autor so liebevoll und detailreich recherchiert näher gebracht haben.

Download: Schriftsonar 66


Datastream:
Hardy Kettlitz & Christian Hoffmann: Harry Harrison – Weltenbummler und Witzbold (SF-Personality 28). 300 Seiten. Memoranda; 1. Edition (23. September 2020). ISBN: 978-3948616403

Harry Harrison: Die Geburt einer Stahlratte. 284 Seiten. Heyne (1985). ISBN: 978-3453024991

Harry Harrison: Make Room! Make Room! 240 Seiten. Penguin Classics (5. Februar 2009). ISBN-13: 978-0141190235

Harry Harrison: Der große Tunnel. 185 Seiten. Goldmann. ISBN: 978-3442231782

Bernhard Kellermann: Der Tunnel. 250 Seiten. Neauflage von ars vivendi (2015). ISBN: 978-3869135854

Musik zur Sendung:
Bleed Air – s/t (Bandcamp.com)

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Schriftsonar Podcast#65 – Annalee Newitz, Tamsyn Muir, Nicholas Ridge, Anna Smith Spark

Besprochene Bücher: Annalee Newitz: Autonom / Tamsyn Muir: Ich bin Gideon / Nicholas Ridge: Die Kolonie am äußersten Rande des Tages / Anna Smith Spark: Das Reich der zerbrochenen Klingen

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Das Herbstprogramm bei Memoranda

Absurderweise komme ich in diesen seltsamen Corona Zeiten gerade zu gar nichts. Um die Zeit zum nächsten Podcast zu überbrücken, weise ich hier einmal auf das Herbstprogramm von dem Memoranda Verlag hin. Ich kenne Hardy Ketlitz nun schon recht lange – „aus dem Fandom“ wie man so schön sagt. Trotzdem habe ich bisher leider kaum […]

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Schriftsonar Podcast#64 – Seanan McGuire, Tom Hillenbrand, Tim Maughan, Joe Abercrombie

Besprochene Bücher: Seanan McGuire: Der Atem einer anderen Welt / Tom Hillenbrand: Qube / Tim Maughan: Infinite Detail / Joe Abercrombie: Zauberklingen

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Ein paar Gedanken zu Diversity in der Science Fiction

Frauen dominieren das Genre? In den letzten Jahren (sagen wir mal ab 2014) finden sich auf der Shortlist für den Hugo Award immer mehr Autorinnen, die nicht mehr das althergebrachte Schema erzählen wollen von weißen Männer, die in glorreichen Weltraumschlachten die Demokratie ins All bomben. Stattdessen ist Diversity, Gender und die Suche nach der eigenen […]

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Schriftsonar Podcast#63 – Chris Beckett, Andreas Eschbach, Peter Watts, Arkadi & Boris Strugatzki

Besprochene Bücher: Chris Beckett: Beneath the World, a Sea / Andreas Eschbach: NSA – Nationales Sicherheits-Amt / Peter Watts: The Freeze-Frame Revolution / Arkadi & Boris Strugatzki: Es ist schwer ein Gott zu sein

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Schriftsonar Podcast#62 – Jens Lubbadeh, Robert Corvus, Kim Stanley Robinson, Greg Egan

Besprochene Bücher: Jens Lubbadeh: Neanderthal / Robert Corvus: Das Imago Projekt / Kim Stanley Robinson: New York 2140 /
Greg Egan: Qual.

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Memoranda (Golkonda) bei der Leipziger Buchmesse

Normalerweise weise ich hier ja nicht gesondert auf Neuerscheinungen oder Messe-Events hin und übernehme auch nicht einfach den Pressetext. Aber in diesem Fall mache ich dann jetzt mal eine Ausnahme. Weil ich Memoranda als Imprint von Golkonda sehr lieb gewonnen habe, weil Hardy Kettlitz das mit sehr viel Herzblut betreibt, weil mich die Titel alle […]

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Schriftsonar Podcast#61 – Perry Rhodan, Allen Steele, Tom Hillenbrand, Uwe Post

Besprochene Bücher: Wim Vanderman, Christian Montillon: “Perry Rhodan 3000: Mythos Erde” / Allen Steele: “Die Rache von Captain Future” / Tom Hillenbrand: “Hologrammatica” / Uwe Post: “für immer 8 Bit”

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Schriftsonar Podcast#60 – Die Brettspiel Sonderausgabe

Die Brettspiel Sonderausgabe

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