Schriftsonar – Der SciFi Podcast

sonar57-Ende_der_MenschheitFC Stoffel war auf Auslandsmission in Baden-Württemberg, um den Stammtisch der SF-Freunde in Stuttgart zu besuchen. Natürlich hat er den Anlass genutzt, um mit Ivo einen Schriftsonar aufzunehmen.

Zunächst wird ausgiebig über Krieg der Welten von H.G. Wells in all seinen multi-medialen Inkarnationen schwadroniert. Ist doch dieses Jahr das Copyright der Originalwerkes ausgelaufen, was einen Schwung neuer Übersetzungen, Interpretationen und Fortsetzungen auf den Markt gebracht hat. Womit lohnt sich eine tiefere Beschäftigung? Oder bleiben wir doch lieber beim Original von 1898?

Den eigentliche Anlass, sich mal wieder mit den Invasoren in den drei-beinigen Kampfmaschinen zu beschäftigen, hat Stephen Baxter geliefert. Er wurde zum Wiederholungstäter, hat er doch nach “The Time Ships” mit dem “Krieg der Welten”-Nachfolger Das Ende der Menschheit erneut ein Sequel zu einem Wells-Roman geschrieben. Kann Baxter dem großen Vorbild das Wasser reichen? Werden die Invasoren erneut von der Grippe dahingerafft? Viele Fragen werden von Stoffel und Ivo diskutiert, nur nicht die einzig wichtige: Wie schaffen es die “Tri-Pods”, sich fortzubewegen, ohne dauernd in der Gegend rumzueiern? Fragen dieser Tragweite bleiben Literaturwissenschaftlern wie Adam Roberts vorbehalten, der sich mit dem Thema dann auch konsequenterweise intensiv in seinem Guardian-Review beschäftigt.

Auf der Leseliste des SF-Stammtisches Stuttgart stand diesmal ein waschechter Fantasy-Roman und der Autor Klaus N- Frick war dann auch zu Gast und stellte sich den kritischen Fragen. Er machte schnell deutlich, das sein Roman Das Blutende Land zu keinem Zeitpunkt als nett unterhaltende, eskapistische High-Fantasy geplant war sondern ganz bewußt als nihilistischer Kommentar auf das Schicksal der einfachen Menschen in den vermeintlich großen Schlachten daher kommt. Und dass es hier keine wirklichen Sympathieträger für die Leser gibt ist auch volle Absicht. Dieser Ansatz hebt das Buch unserer Meinung nach aber dann auch aus der Masse der Fantasy Erscheinungen der letzten Jahre ab.

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Datastream Krieg der Welten:

H.G. Wells: Der Krieg der Welten. Übersetzung: Gottlieb August Crüwel. 188 Seiten. Book on Demand. ISBN: 9783744897198. Siehe hier.

H.G. Wells: Der Krieg der Welten. Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff. 328 Seiten. dtv (13. Januar 2017). ISBN: 978-3423145473. Siehe hier.

H.G. Wells: Der Krieg der Welten. Ungekürzte Lesung mit Andreas Fröhlich der Übersetzung von Lutz-W. Wolff. Hörbuch; Der Audio Verlag. ISBN 3862318486. Siehe hier.

Weitere Neuübersetzung von 2017 von H.-U. Möhring ist erschienen bei Fischer Klassik unter der ISBN 978-3-596-95029-4

Downloads des klassischen Hörspiels von Orson Welles, welches gerüchteweise bei der Ausstrahlung für Panik in den USA gesorgt haben soll sind hier.

Das ganze gibt es auch in einer deutschen Bearbeitung vom WDR aus dem Jahre 1977 und bei YouTube hier zu finden:

Einen schönen Hintergrundartikel zu diesem Hörspiel von Orson Welles gibt es hier.

Den Wikipedia-Eintrag zur 80’er Musical-Version von Jeff Wayne findet sich hier.

Eine schöne Besprechung der Audio-Varianten inkl. der im Podcast erwähnten Hörbuches gelesen von Andreas Fröhlich sowie der Neuinterpretation als Hörspiel von Lübbe-Audio findet sich auf der Plattform “Die Zukunft”.

Datastream andere Bücher:

Stephen Baxter: Das Ende der Menschheit. Heyne Verlag 2017. 592 Seiten. ISBN 3453318455

Review zu “The Massacre of Mankind” (dt.: “Das Ende der Welt”) von Adam Roberts im Guardian.

Klaus N. Frick: Das blutende Land. 544 Seiten. Knaur TB (2. November 2017). ISBN: 978-3426521069

Der Blog von Klaus N. Frick.

Musik zur Sendung:
dml – the chemistry of boredom

sonar56-unsterblichDie Intrigen und offenen Kämpfe auf dem Mond gehen weiter. In Luna – Wolfsmond wird der Sturm geerntet, den Ian McDonald seine Protagonisten im ersten Teil hat aussähen lassen. Wieder mit viel brasilianischem Lokalkolorit, aber auch der Jazz kommt nicht zu kurz. Kaum gab es ein heftigeres Comeback, als das von Lucas Corta, der von Mond zur Erde und wieder zurück reist.

Mit Feuer der Leere verschreibt sich Robert Corvus nun ganz der Science Fiction. Die Menschheit auf der Flucht vor den Giftatmern. Ein Raumschiff, das als eine Art riesiger Tintenfisch Menschen durchs All transportiert. Jünger des Voids, die sich in diesem Raumschiff aufhalten. Eine kalt berechnende Oberbefehlshaberin mit einer Tochter die sich als Soldatin verdient macht und einem Sohn, der nur in Ruhe seiner Exobiologie nachgehen will. Und gleich am Anfang eine Raumschlacht, die mal eben mit allen Klischees aus jeglichen Space Operas aufräumt. Klassische SF mit mehr als einem netten Spin.

Wenn unsere verstorbenen Verwandten als Simulationen uns bis in alle Ewigigkeiten in der virtuellen Realität zur Seite stehen würden, wären sie dann wahrhaft Unsterblich? Oder wären sie nur auf ewig wie unter Bernstein gefangen, dazu verdammt einfach nur zu existieren ohne wirklich zu sein? Jens Lubbadeh schafft in seinem Debüt Roman das Kunststück, die großen Themen der immer mächtiger werdenden Computersimulationen und die daraus resultierenden philosophischen Probleme in eine knackige, unterhaltsame und überaus spannende Geschichte einzubetten.

Ein Mashup wie es absurder nicht klingen kann, aber eigentlich nur folgerichtig ist. In diesem Roman von Paul Kane trifft Sherlock Holmes auf die Servants of Hell und damit sind, wie das Cover schon so kongenial andeutet, niemand anderes als die Zenobiten aus Clive Barkers Hellraiser Universum gemeint. Ein herrlich überdrehter Spaß, der ordentlich abliefert.

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Datastream:

Ian McDonald: Luna – Wolfsmond. 496 Seiten. Heyne Verlag (9. Mai 2017). Übersetzung: Friedrich Mader. ISBN-13: 978-3453317963.

Robert Corvus: Feuer der Leere. 496 Seiten. Piper (20. März 2017). ISBN: 978-3492704395

Jens Lubbadeh: Unsterblich. 448 Seiten. Heyne Verlag (11. Juli 2016). ISBN: 978-3453317314

Paul Kane: Sherlock Holmes and the Servants of Hell. Solaris (20. Juli 2016) ASIN: B01N91796D

Musik zur Sendung:
Drehton – Aus’m F.F.

Hier mal ein kleiner Veranstaltungshinweis: Klaus N. Frick wird sein Buch “Das blutende Land” beim SF-Stammtisch in Stuttgart vorstellen. Und zwar am Freitag, den 1. Dezember ab 18:30 in der Gaststätte »Der Föhrich« in Stuttgart-Feuerbach. Eintritt ist frei.

Weitere Details gibt es hier.

Ich habe beim BuCon in Dreieich Klaus N. Frick erlebt und dort auch den Prolog des Buches gehört. Ich bin ja nicht sooo ein großer Fantasy Fan, aber das hat mich dann doch so überzeugt, dass ich das Buch in der Buchhandlung bei mir um die Ecke bestellt habe und seit gestern dann auch lese.

Ich werde da am 1. Dezember also hinfahren. Weil bei dem Stammtisch sehr nette Menschen sind (ich war ja schon mal da), weil sich das Buch gut anläßt und weil Klaus N. Frick in seiner Eigenschaft als Perry-Rhodan Chefredakteur viel zu erzählen hat. Auch wenn ich bisher einfach so gar nix mit Perry-Rhodan anfangen kann und ich da die Hoffnung aufgegeben habe, je rein zu kommen. Was Herr Frick aber so beim BuCon erzählt hat war trotzdem interessant und auch sehr unterhaltsam.

Ian McDonald - LunaWieder einmal ist FC Stoffel nicht alleine in der Umlaufbahn um den Bücherplaneten, sondern hat sich mit Ivo und Patrick fachkundige Verstärkung dazu geholt. Akustisch nicht ganz so intim (man hört deutlich den Raum) dafür aber mit hoffentlich anregenden Diskussionen.

Mit kindlicher Freude erforscht Kai Meyer mit seinen Roman Die Krone der Sterne jenen Sense of Wonder, den wir alle in unserer Jugend angesichts der phantastischen Weltraumärchen der Marke Star Wars oder Battlestar Galactica verspürten. Und so begegnen wir in seinem Roman einer Ausstattungsorgie ohne Gleichen: Eine Gottkaiserin, einen Hexenorden und 30 Kilometer hohe Weltraumkathedralen mit Hyperraumantrieb. Wir gehen der Frage nach, ob das auch bei Erwachsenen noch Aufregung und Staunen sorgt.

Als „Game of Thrones auf dem Mond“ angepriesen kommt Ian McDonalds Luna zunächst als gehobener Unterhaltungsroman daher. Er selbst nennt als Inspiration die alten TV-Serien Dallas und Denver. Und tatsächlich gibt es da einige Parallelen bei der Geschichte um die fünf Familienclans die ihre Geschäftsinteressen auf dem Mond mit allen Mitteln verteidigen. Uns stellt sich die Frage: Ist dies nun McDonald Light, oder gibt es nach wie vor genügend Komplexität und verschachtelte kulturellen Hintergründe, um diesen Roman zu einem echten Ian McDonald zu machen?

In die Guardian Top 5 Liste der Kulturromane von Ian M. Banks hat es Surface Detail nicht geschafft. Zu Unrecht, meint Patrick und erläutert uns, warum dieser Roman alles hat, was wir an Ian M. Banks so schätzen: Die denkenden Schiffe, der Humor, die atemberaubenden Settings (hier eine digitale Hölle) und nicht zuletzt natürlich die „Kultur“. Eine Space Opera, wie sie nur Banks zu schreiben verstand. Und überhaupt ist eine Top 5 für diesen Ausnahmeautor eh viel zu kurz gegriffen.

Machen wir uns nichts vor. Mehr und mehr verlagern die Menschen ihr Gehirn nach außen in die digitalen Geräte. Daniel Suarez hat lange Zeit als Programmierer für Logistik-Software gearbeitet und erlebt, wie Menschen ohne Nachzudenken den Anweisungen auf dem Bildschirm Folge leisten. Was nun, wenn sich dies ein findiger Kopf zu Nutze macht, um mit einer Reihe von Skripten, die von bestimmten Ereignissen getriggert werden, Handlungen zu provozieren, die die Welt ins Chaos stürzen? Wer glaubt, daß dies fernste Dystopie sei, hat noch nie die Bekanntschaft mit Menschen in Call-Centern gemacht, die nur ihren vom Computer vorgegebenen Gesprächspfaden folgen können.

Sehenswert auch der TED Talk von Daniel Suarez: The kill decision shouldn’t belong to a robot.

Kleiner Nachtrag: Der englische Text wurde nicht von Jessica DiNapoli sondern von Anja Brüggemann gelesen. Das hat sich kurzfristig nach der Aufnahme des Gesprächs mit Ivo und Patrick erst ergeben.

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Datastream:
Kai Meyer: Die Krone der Sterne. 464 Seiten. FISCHER Tor (26. Januar 2017). ISBN: 978-3596035854

Ian McDonald: Luna. 512 Seiten. Heyne (12. Dezember 2016). Übersetzung: Friedrich Mader. ISBN: 978-3453317956.

Ian M. Banks: Surface Detail. Orbit (2011). Deutsche Ausgabe: Krieg der Seelen. 800 Seiten. Heyne (12. Dezember 2011). Übersetzung: Andreas Brandhorst. ISBN: 978-3453528710

Daniel Suarez: Daemon. 640 Seiten. Rowohlt (2. Mai 2011). Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann. ISBN: 978-3499256431

Daniel Suarez: Dark Net. 480 Seiten. Rowohlt (2. Mai 2011). Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann. ISBN: 978-3499252440

Daniel Suarez: Kill Decision. 496 Seiten. Rowohlt (2. April 2013). Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann. ISBN: 978-3499259180

Musik zur Sendung:
Jan Grünfeld – Music for Plants

Robert Corvus, GrauwachtDie Gamer sind unter uns – und sie sind wie Du und ich. Ganz normale Menschen, die vielleicht in den 80er schon mit der Einstiegsdroge Pong mit dem Gamer Virus infiziert wurden. Und es gibt viele Geschichten über sie zu erzählen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einige der besten deutschen sind in der Anthologie Gamer versammelt.

Endlich unsterblich, doch die Maschinen regieren die Welt – Andreas Brandhorst betritt mit seinem Roman Das Schiff eine neue Welt, in der nicht alles Eitel Sonnenschein ist, was zunächst so verlockend daher kommt. Hier geht es um all die großen Fragen der Menschheit; die Grenzen der Erkenntnis und des eigenen Ichs. Große Themen in einem dicken Buch. Aber reicht das für einen großen Roman?

Der Tag naht und die Metropolen müssen geräumt werden. Auf Bisola dauert eine Nacht ein ganzes Menschenleben und wenn der Tag anbricht, müssen die Menschen den Echsen ähnlichen Sassek weichen, um die Städte am Tag ihnen zu überlassen. Die Grauwacht sichert das Jahrhunderte alte Abkommen. Doch noch nie waren sie mit einem blauen Licht in der Dämmerung und den damit einhergehenden seltsamen Phänomen konfrontiert. Oder vielleicht doch, und das Wissen darüber ist nur verloren gegangen? Robert Corvus würzt seine Fantasy Erzählung mit einer guten Prise Sci-Fi, mischt dann noch einmal alles gut durch und erschafft so eine fantastischen Genre Mix, der Lust auf mehr macht.

Die Verbrechen an der Menschheit begehen die Menschen alle selbst. Arno Behrend erzählt in seinen 16 Kurzgeschichten von einer Welt, in der die Menschheit einfach nichts dazulernen will. Dieselben Fehler werden immer und immer wieder gemacht und nur wenige Aufrechte versuchen dagegen zu halten. Schuldig in 16 Fällen sind wir mindestens alle, und Arno Behrend legt den Finger tief in die Wunden unserer Neo-Liberalen-Gesellschaft. Und doch gibt es in jeder der Geschichten immer auch einen Funken Hoffnung. Vielleicht geht ja doch nicht alles den Bach runter. (Kleiner Nachtrag: Die Story „Small Talk“ erhielt 2003 den Deutschen Science Fiction Preis. Hatte ich im Podcast vergessen zu erwähnen).

Download: Schriftsonar 54


Datastream:

A. Skora, A. Rößler, F. Hebben (Hrsg): Gamer. 300 Seiten. Begedia Verlag (10. Juni 2016).
ISBN: 978-3957770707

Andreas Brandhorst: Das Schiff. 544 Seiten. Piper (5. Oktober 2015)
ISBN: 978-3492703581

Robert Corvus: Grauwacht. 432 Seiten. Piper Taschenbuch (19. Januar 2015)
ISBN: 978-3492269940

Arno Behrend: Schuldig in 16 Fällen. 364 Seiten. p.machinery Michael Haitel (28. August 2014)
ISBN: 978-3957650078

Die Musik zur Sendung:
Broke For Free – XXVII licensed under CC BY-NC-SA.

FC Stoffel bekommt dieses Mal Verstärkung: Nicht nur Michael kehrt für einen Gastauftritt zum Schriftsonar zurück, mit Patric und Ivo gesellen sich zwei weitere enthusiastische Leser zu den beiden alten Hasen.

Aus Anlass der aktuellen Award Season werden wir kurz beleuchten, wie inspirierend die Lektüre der einschlägigen Nominierungen  für das Befüllen der persönlichen  “To-Read-List” sein kann. Der Beweis für diese These wird dann sogleich geführt. Wir besprechen Bücher, die entweder nominiert sind oder nach unserer Meinung dringend nominiert gehört hätten. Und in denen es verblüffend oft um Generationsschiffe und vernichtete Zivilisationen geht…

Arche und Arachniden – Ein Terraforming-Projekt läuft schief, und statt der geplanten Affen kommen Spinnen in den “Genuss” des Evolutionsvirus…. den Menschen von der zerstörten Erde, die Jahrtausende später hier eine neue Heimat suchen, wird ein unerwarteter Empfang bereitet.  Adrian Tchaikovskys CHILDREN OF TIME ist ein Meisterwerk, das zurecht auf der ClarkeAward Shortlist steht.

Keine Arche – aber ohne Apokalypse, welche  große Teile der Menschheit hinwegrafft, kommt auch dieser Roman nicht aus. Dazu gesellen sich virtuelle Realitäten und künstliche Körper, alte und neue Welt, Vergangenheit und Zukunft. William Gibson kehrt gereift zu seinen Themen aus den 1980er Jahren zurück und erweitert sie um Zeitreisen und Alternativwelten. Nach Gibsons eigener Aussage zwar “pretty standard plot devices”, aber sein aktuelles Werk ist mehr als die Summe dieser Teile und wir werden erfahren, wie viel Cyberpunk in THE PERIPHERAL zu finden ist.

Robinsons Arche – “The best generation ship novel I have ever read”, schreibt Adam Roberts über Kim Stanley Robinsons AURORA. Und wir können hier kaum widersprechen. EIn großes Werk über lange Reisen in engen Schiffen und noch so viel mehr, wie zu hören sein wird.

Arche statt Mond – Der Mond ist explodiert, die Menschheit hat zwei Jahre Zeit, ein Überleben der Zivilisation im All zu ermöglichen, bevor die Trümmer die Erde unbewohnbar machen werden.   Episch, spannend, anstrengend … Neil Stephensons SEVENEVES (dt.: AMALTHEA), nominiert für den Hugo.


Weiterführende Links:
Hugo Award Shortlist 2016
ClarkeAward Shortlist 2016
Review von Adam Roberts über “Aurora”

Download: Schriftsonar 53


Datastream:
Adrian Tchaikovsky: Children of Time. 608 Seiten. Pan (2016).
ISBN-13: 978-1447273301

William Gibson: The Peripheral. 496 Seiten. Penguin (2015).
ISBN: 978-0241961001
dt. Ausgabe: Peripherie, Tropen Verlag, erscheint am 27. August 2016

Kim Stanley Robinson: Aurora, 528 Seiten. Orbit (2016).
ISBN: 978-03160980902015
dt. Ausgabe: Aurora, Heyne Verlag, erscheint am 14. November 2016

Neal Stephenson: Seveneves. 867 Seiten. Harper Collins (2016).
ISBN: 978-0008132545
dt. Ausgabe: Amalthea. 1056 Seiten. Manhattan (2015). Übersetzung: Nikolaus Stingl & Juliane Gräbener-Müller.
ISBN: 978-3442547623

Die Musik zur Sendung:
Erich Schall – SONDE

Dave Eggers - Der CircleEntweder Du bist für uns, oder Du bist gegen uns. Wenn es nach dem Circle geht, sind bald alle Menschen nur noch mit ihrem TruYou online auf den Plattformern des Circles unterwegs. Und damit zu 100% transparent. Lügen und Geheimnisse gehören dann der Vergangenheit an und die Welt wird endlich besser. Nur, wer würde in einer solchen Welt leben wollen? Außer den Auserwählten des Circles. Ob Dave Eggers Entwurf einer schönen, neuen Welt Wirklichkeit wird liegt (noch) in unseren Händen. Eine gute Anregung, um noch einmal über ein paar digitale Gewohnheiten nachzudenken.

Terry, nenn mir den Verdächtigen. Schon praktisch, wenn ganz Europa von einer Myriade von Drohnen überwacht wird und damit die KI’s von Europol mit Echtzeitdaten versorgen. Die Aufklärung von Verbrechen sollte in einem solchen Drohnenland doch eigentlich ein Kinderspiel sein. So scheint nach einem Drittel des neuen Romans von Tom Hillenbrand auch der Täter bereits gefasst zu sein. Doch hinter den Vorhängen der realen Welt bahnt sich im Echtzeit-Mirrorspace von Eurpol eine Verschwörung an, bei der die Zukunft ganz Europas auf dem Spiel steht. Was hier als Krimi getarnt daherkommt, ist nicht weniger als ein Ausblick auf ein Europa, in dem die Freiheit für vermeintliche Sicherheit komplett aufgegeben wurde. Vielleicht ist es ja doch eine gute Idee, jetzt aktiv zu werden, z.B. mit der Unterstützung von netzpolitik.org.

Beam me up, Rilke. In Das Licht von Duino hat Frank W. Haubold endlich losgelassen und ein fulminantes Ende für seine Götterdämmerung Space Oper hingelegt. Der Dichter Rilke greift zusammen mit Jim Morrison in das Geschehen ein. Die Regentin hat seltsamen Sex mit einem Symbionten. Dr. Mertens züchtet Klone, um sie zu foltern. Das parasitäre Malik Wesen spingt von Wirt zu Wirt und kommt seiner Zielperson immer näher. Und die letzte intergalaktische Schlacht um das Schicksal der Menschheit wird von einem Hunnensturm eröffnet. Frank W. Haubold verknüpft alle losen Enden, läßt einige Dinge im nebulösen und findet gegen Ende zu an Rilke gemahnende lyrische Formen. Ein würdiger Abschluss dieser Trilogie.

Mit der Kraft des heiligen Geistes. Wir schreiben das Jahr Anno Salvatio 423, denn seit 423 Jahren lebt und regiert nun Papst Innozenz XIV das Land mit eisernen Hand. Für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen Erzengel, Inquisitoren und Straßenpriester. Unter letzteren Desmond Sorofraugh, der dank der Kraft des heiligen Geistes übersinnliche Fähigkeiten besitzt. Als er jedoch dem gefallenen Prophet begegnet, beginnt er an der bestehen Ordnung zu zweifeln und begibt sich in den Untergrund. Das Setting in Tom Dauts Roman ist atemberaubend und einfallsreich. Die Action kommt krachend daher. Da macht es auch nichts, das einige Charaktere nicht bis ins letzte psychologische Detail ausgefeilt sind. Übrigens: Falls sich die Gelegenheit bietet, eine Lesung von Tom Daut zu erleben – hingehen. Das macht echt Spaß.

Download: Schriftsonar 52


Datastream:
Dave Eggers: Der Circle. 560 Seiten. KiWi-Taschenbuch (2015). Übersetzung: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann. ISBN: 978-3462048544

Tom Hillenbrand: Drohnenland. 432 Seiten. KiWi-Taschenbuch (2014). ISBN: 978-3462046625

Frank W. Haubold: Götterdämmerung – Das Licht von Duino. 450 Seiten. Atlantis Verlag (2015). ISBN: 978-3864022746

Tom Daut: Anno Salvatio 423 – Der gefallene Prophet. 614 Seiten. Oldigor Verlag (2014). ISBN: 978-3945016237

Die Musik zur Sendung:
Zimmer123 – Various Artists – Selections – Blue

Monica Byrne: Die BrückeWir sind alle eins. Möglich macht dies in Ramez Naams Debütroman die Droge Nexus, die den vollumfänglichen Zugriff auf unsere Gehirnen ermöglicht. Inklusive Uploads von neuen Funktionen und kompletter Vernetzung mit anderen Gehirnen. Transhumanismus ist das Stichwort. Und natürlich kann eine solche Technik nicht allein den Wissenschaftlern überlassen werden, weckt dies doch Begehrlichkeiten bei allen Geheimdiensten, Militärs und Drogekartellen unserer Welt. Ob Nexus nun Fluch oder Segen, Freiheit oder Sklaverei bringt, liegt in den Händen einiger weniger äußerst mächtiger Akteure. Und mitten drin Kaden Lane, der doch nur ein bisschen mit der Droge experimentieren wollte.

Zwei Frauen aus zwei Kontinenten bewegen sich aufeinander zu. Das Mädchen Mariama zieht es von West Afrika nach Äthiopien. Die junge Frau Meena zieht es nach Osten, auf einer gigantischen Brücke aus Pontons zur Energiegewinnung, die im arabischen Meer Indien mit Somalia verbindet. Beide Frauen sind auf der Flucht. Beide erzählen die Ereignisse aus ihrer ganz eigenen Perspektive. Beide Erzählungen sind durch traumatische Erlebnisse in der jüngsten Vergangenheit verzerrt. Und doch scheint das Schicksal beider Frauen miteinander verwoben zu sein. Monica Byrnes Debütroman Die Brücke  fällt in die Kategorie “Mindfuck”, ist dabei aber nie prätentiös oder super schlau geschrieben, sondern stets im Dienste eines bewegenden Psychograms zweier verlorenen Seelen auf der Suche nach Erlösung.

Wie stiehlt man sein früheres Ich? Vor diesem Problem steht der Quantum Dieb Jean le Flambeur im Debütroman von Hannu Rajaniemi. Geist und Körper sind in der fernen Zukunft schon lange nicht mehr eins. In der Gesellschaft der Oubliette auf dem Mars sind alle Erinnerungen in einem Exospeicher abgelegt und der Zugriff darauf erfolgt mittels des Gevulot Sinns. Zeit ist ein kostbares Gut und ersetzt die Währung. Nach Ablauf des persönlichen Zeitkontingents geht es ins Schweigen um als Maschine am Wiederaufbau der Stadt zu arbeiten. Aber ist die strukturelle Integrität des Exospeichers wirklich so unantastbar wie immer behauptet? Eine quantenmechanische Tour de Force die so manchen Knoten in dem ein oder andere Gehirn fabrizieren wird.

Erstkontakt unter dem Zeichen der chinesischen Kulturrevolution. Cixin Liu schafft es in seinem Roman The Three-Body Problem die klassischen Erzählweisen des Golden Age der Science Fiction mit modernen Themen und Formen zu kombinieren. Er verwebt dabei drei Erzählebenen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der Computersimulation eines Dreistern-Systems erleben wir das klassische sense of wonder einer fremden Kultur auf einer fernen Welt. In der Jetztzeit begleiten wir einen Nano-Wissenschaftler bei der Aufklärung einer mysteriösen Selbstmordserie unter Kollegen. Und in den Wirren der Kulturrevolution erleben wir die Vorbereitung eines Erstkontakts, dessen Auswirkung hier bis weit über die Grenzen der Menschheit hinaus spürbar werden. Ganz nebenbei liefert Cixin Liu eine verstörende Erklärung für die quantenphysikalischen Paradoxa. Zu Recht ausgezeichnet mit dem Hugo Award 2015.

Download: Schriftsonar 51


Datastream:

Ramez Naam: Nexus. 624 Seiten. Heyne Verlag (2014). Übersetzung: Bernhard Kempen. ISBN: 978-3453315600

Monica Byrne, Die Brücke. 448 Seiten. Heyne Verlag (2015). Übersetzung: Irene Holicki. ISBN: 978-3453417847

Hannu Rajaniemi: Quantum. 432 Seiten. Piper Taschenbuch (2012). Übersetzung: Irene Holicki. ISBN: 978-3492268752

Cixin Liu: The Three Body-Problem. 399 Seiten. Tor Verlag (2014). Übersetzung: Ken Liu. ISBN: 978-0765377067

Die Musik zur Sendung:
Zimmer124 – Various Artists – Selections – Red

Foto: Sigourney Mückke (cc-by-sa)
Das Schriftsonar Team landet zur Museumsnacht am 24.10.2015 im KunstWerk Köln und installiert dort eine “SciFi Lounge”. Lesungen wechseln sich ab mit elektronischer Live Musik. Dazu gibt es gekühlte Getränke und vielleicht auch pangalaktische Donnergurgler oder ähnlich futuristische Rachenputzer. Hier das Programm:

20:00 Lesung: Deutsche Science Fiction jenseits von Eschbach und Darth
21:00 Liveact: Cie (Techno)
22:00 Vortrag: Überwachungsszenarien der Science Fiction im Reality Check
23:00 Liveact: Erich Schall (Dubtechno)
24:00 Lesung + Gespräch: Die Must Reads der zeitgenössischen Science Fiction Literatur.
01:00 Liveact: Das Blaue Monster (Dubtechno)
02.00 DJ: Neitscho (Dubtechno)

Es wird bestimmt ein netter Abend und wir würden uns freuen, wenn ihr auf Eurer Tour durch die Kölner Museumsnacht vorbeischauen würdet.

Leonard Richardson: Constellation GamesEine Space Opera ohne Bühnenbild: Ann Leckie verzichtet in ihrem Roman Die Maschinen auf ausschmückende Beschreibungen und liefert Details nur, wenn sie nötig sind. Auch das Geschlecht der Figuren ist in ihrem Universum nur Nebensache. Die Hauptfiguren, Breq und Leutnantin Vendaii, gehören der Kultur der Radch an, die über keine Geschlechtsmerkmale verfügen und dementsprechend auch  bei anderen Rassen die Geschlechter nicht unterscheiden können. In der deutschen, kongenialen Übersetzung von Bernhard Kempen, benutzen sie daher durchgehend das generische Feminin. Ein wichtiger Beitrag zum aktuellen Diversity Diskurs in der SF.

Eine kunterbunte, ausufernd mäandernde Räuberpistole hat Nick Harkaway mit Der goldene Schwarm abgeliefert. Im Gegensatz zu Leckie wird hier jedes Detail liebevoll beschrieben und so dauert es rund 100 Seiten bis das Abenteuer an Fahrt gewinnt. Dann aber gibt es kein Halten mehr. Uhrmacher Joe Spork muss seine Kontakte zur Unterwelt reaktivieren, um zu verhindern, dass der asiatische Superschurke Shem Shem Tsien die gesamte Menschheit versklavt. Unterstützt wird er dabei von der neunzigjährigen Lady Edie Banister, die in ihrem früheren Leben – erzählt in einer zweiten Zeitebene – als Geheimagentin bereits einmal erfolgreich dem Schurken getrotzt hat.

Die Aliens sind gekommen – und haben Videospiele dabei: Leonard Richardson erzählt von einem Erstkontakt der anderen Art. Die Constellation taucht im Erdorbit auf. In der Grußbotschaft an die Menschheit entdeckt Ich-Erzähler und Spielentwickler Ariel Blum im Hintergrund eine Spielekonsole. Auf seine Bitte senden ihm die Aliens ihre Constellation Games und Ariel Blum macht sich fröhlich an die Adaption für den heimischen Markt. Nebenbei bieten die Aliens den Regierungen der Erde an, die Welt vor der Umweltkatastrophe zu retten. Die trauen dem Braten jedoch nicht und versuchen den Erstkontakt streng bürokratisch abzuwickeln und die Aliens auf Abstand zu halten. Zum Glück macht ihnen die weit überlegene soziale Kompetenz der Constellation da einen Strich durch die Rechnung.

Ein Traum ist wahr geworden: Wer anfängt sich für Science Fcition Literatur zu interessieren, stößt recht schnell auf den Hugo Award und fängt an, sich durch die ausgezeichneten Bücher zu lesen. Bisher stand einem bei der Recherche nur online mehr oder weniger lieblos zusammengestellte Listen zur Verfügung und im Netz weit verstreute Rezensionen. Nun hat Hardy Kettlitz in seinem Buch Die Hugo Awards 1953 – 1984 nicht nur die Preisträger sämtlicher Kategorien für jedes Jahr des Hugo Awards fein säuberlich versammelt, sondern liefert zudem auch noch zu jedem Preisträger eine kurze Beschreibung mit. Sei es nun Buch, Novelle, Novelette, Kurzgeschichte, Fanzine, Dramatische Präsentation, oder was auch immer. Zu JEDEM Preisträger aus JEDER Kategorie in JEDEM Jahr.

Download: Schriftsonar 50


Datastream:

Ann Leckie: Die Maschinen. Heyne Verlag (9. Februar 2015). 544 Seiten. Übersetzung: Bernhard Kempen. ISBN: 978-3453316362.

Nick Harkaway: Der goldene Schwarm. Albrecht Knaus Verlag (10. März 2014). 608 Seiten. Übersetzung: André Mumot. ISBN: 978-3813505344.

Leonard Richardson: Constellation Games. Candlemark & Gleam (17. April 2012). 368 Seiten. ISBN: 978-1936460236.

Hardy Kettlitz: Die Hugo Awards 1953 – 1984. Golkonda Verlag (10. März 2015). 315 Seiten. ISBN: 978-3944720715.

Die Musik zur Sendung:

Six Umbrellas – The Psychedelic And

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