Schriftsonar Podcast#70 – Markus Heitkamp (Hrsg.), Kameron Hurley, Friedemann Brenneis (Hrsg.), Michael Marrak

Godzilla hat eine riesen Fangemeinde, auch in Deutschland. Wobei Godzilla natürlich der falsche Begriff ist, denn wir reden hier von allen Arten von Riesenmonstern, im japanischen Kaiju genannt. Markus Heitkamp hat vor einigen Jahren die Idee, die Kaiju doch auch einmal auf Deutschland los zu lassen. In Form von Kurzgeschichten. Gesagt, getan – Welcome to „German Kaiju“.
Hier noch der Link auf die Shin Godzilla Rezension von Jörg Buttgereit.

Kameron Hurley habe ich das erste Mal durch ihr Essay „We have always fought“ bewusst wahrgenommen. Für das sie (zu Recht) einen Hugo Award gewonnen hat. Seitdem will ich immer wieder etwas von ihre lesen, allein erst jetzt habe ich es mit „Der Sterne Zahl“ geschafft. Ein irres, psychedelisiches Spektakel, eine seltsame Reise in das, was die Welt im Inneren zusammenhält. Mit einer gehörigen Portion Body Horror.

Tja, wie sieht die Zukunft des Geldes aus? Wenn wir das nur wüssten. Tun wir aber nicht. Aber das muss ja Autor:innen nicht davon abhalten mit einer ganzen Reihe von erfrischenden Ideen Geschichten über den Umgang mit Geld in naher Zukunft zu spekulieren. „Magic Future Money“ ist vor knapp einem Jahr erschienen. Inzwischen hat die Goldgräberstimmung in Sachen Cryptowährung ein wenig nachgelassen – wer hätte das gedacht. Hätten die Cryptobros doch nur ein paar dieser Geschichten gelesen.
Hier noch der Link auf das wunderbare „Totenschein Story-Zine“ von Carsten Schmitt und Tanja Karmann,

Michael Marrak wandelt in den Schattenseiten unserer Welt mit seinem neuen Roman „Lex Talionis“. Vordergründig ein Krimi, aber das dient nur als Rahmen für einen Abstieg in äußerst dunkle Gefilde. Hoffnung ist überbewertet, am Ende wartet auf alle ein schlimmes Ende. Und vielleicht sollte man es sich besser dreimal überlegen, ob man gewisse Mächten wirklich ans Licht zerren will, oder ob manches nicht besser im Dunkeln bleibt. Düster, spannend, wunderbar phantastisch gruselig, mit einem wohl dosierten Spritzer Horror.

Download: Schriftsonar 70

Datastream:
Markus Heitkamp (Hrsg.): German Kaiju. ‎ Leseratten Verlag (18. März 2019). 378 Seiten. ISBN: ‎ 3945230381

Kameron Hurley: Der Sterne Zahl. Deutsch von Helga Parmiter. Panini Verlags GmbH (28. September 2021). 400 Seiten. ISBN: ‎ 3833241047

Friedemann Brenneis (Hrsg.): Magic Future Money. ‎ Aprycot Media (23. November 2021). 376 Seiten. ISBN: ‎ 3949098178

Michael Marrak: Lex Talionis. Memoranda (11. März 2022). 322 Seiten. ISBN: ‎3948616647

Musik zur Sendung:
Sternenspringer – Antipode (tonAtom.142)CC-BY-NC-ND 3.0

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Schriftsonar Podcast#69 – Tamsyn Muir, Kim Stanley Robinson, Uwe Post, Joe Abercrombie

Spoileralarm: Über „Ich bin Harrow“ von Tamsyn Muir kann ich nicht reden, ohne den Clou des ersten Bandes auszuplaudern. Wer das nicht hören will, bitte erst später in die Sendung einsteigen. Nur so viel: Eine grandiose Fortsetzung, die den ersten Band an Wahnsinn, Bodycount, Romantik und Nekromatik um einiges übertrifft. Wie es sich für eine Fortsetzung ja auch gehört.

Von Barack Obama als „Das wichtigste Buch des letzten Jahres“ gelobt, hängt „Das Ministerium für die Zukunft“ von Kim Stanley Robinson die Latte enorm hoch. Das Thema ist natürlich die Klimakrise und Robinson haut uns die Fakten und den Blick in die auf uns zu kommende Katastrophe mit einem richtig harten Schlag in die Magengrube. Das tut weh, ist aber wahrscheinlich im Moment einfach auch nötig.

Anders hingegen Uwe Post. Vordergründig leicht und beschwingt ist auch bei ihm die Klimakrise das Thema der Stunde. Hier versucht der „Klima-Korrektur-Konzern“ zu retten, was noch zu retten ist. Wäre da nicht Phil, der sich als IT-Sicherheitsexperte mit Sabotage der übelsten Sorte konfrontiert sieht. Oder ist er am Ende doch selbst der Schuldige? Spannend, böse und mit einer ordentlichen Prise schwarzem Humor, die ideale Ergänzug zum „Ministerium der Zukunft.“

Nun kommt „The Age of Madness“ endlich mit den „Silberklingen“ zu einem – vorläufigen – Ende. Joe Abercrombie läßt in seiner Welt den großen Umbruch geschehen, die Adeligen werden gestürzt und das Volk egreift die Macht. Doch mit der „Wisdom of crowds“ – wie der Roman im englischen wesentlich treffender betitelt ist – ist es nicht weit her. In Anlehnung an die französische Revolution folgt ein Terrorregime auf das Nächste und es scheint gar nicht so einfach zu sein, mit dem Morden aufzuhören, wo es doch gerade so gut läuft. Grimmig, dunkel, düster, wie zu erwarten war – und im Subtext eine gelungene Abrechnung mit den Auswüchsen des Kapitalismus.

Download: Schriftsonar 69


Datastream:

Tamsyn Muir: Ich bin Harrow. Deutsch von Kirsten Borchardt. Heyne (13. September 2021). 704 Seiten. ISBN: ‎ 3453321561

Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft. Deutsch von Paul Bär. Heyne (11. Oktober 2021). 720 Seiten. ISBN: ‎ 3453321707

Uwe Post: Klima-Korrektur-Konzern. Polarise (2. Dezember 2021). 208 Seiten. ISBN: 3947619928

Joe Abercrombie: Silberklingen. Deutsch von Kirsten Borchardt. Heyne (13. Dezember 2021). 864 Seiten. ISBN: ‎ 3453315359

Musik zur Sendung:
Andrew Haines: Wayward Sketches of a Manual Labourer (Phonocake 144)

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Schriftsonar Podcast#68 – Tom Hillenbrand, Lydia Yuknavitch, Emily St. John Mandel, Grady Hendrix

Der Wortwitz bietet sich natürlich an. Aber Montecrypto von Tom Hillenbrand ist mehr als nur ein schnell dahin geschobener Roman zu einem der heißen Themen unserer Zeit, der Kryptowährung. Mit dem Privatermittler Ed Dante tauchen wir in einem packenden Thriller ein in die Welt der Finanzmärkte und erfahren en passant so einiges über das moderne Finanzsystem und nicht zuletzt über die Gier, den Wahnsinn und die Hoffnungen auf Erlösung, die (ja eigentlich schon immer) die Finanzwelt fest im Griff hat.

Kann ein Lied einen Genozid überdauern und Hoffnung spenden? Ist eine solche Frage grenzenlos naiv oder die einzig mögliche Antwort auf die Ohnmacht angesichts einer wahnsinnig gewordenen letzten Enklave der Menschheit auf einer Raumstation im All? Lydia Yuknavitch stellt diese Frage monumental, wortgewaltig und einer gehörigen Portion Body Horror mit ihrem Roman Das Lied der Kämpferin in den Raum. Und da steht sie nun. Man kann um sie herum tänzeln, man kann versuchen damit umzugehen, aber ignorieren kann man sie nicht.

Eigentlich der perfekte Roman zur Corona Pandemie, aber nur vordergründig und auch zufällig, da bereits 2014 erschienen. Emily St. John Mandel erzählt in Das Licht der letzten Tage zwar von einer Grippe, die den Großteil der Menschheit binnen weniger Monate dahingerafft hat. Aber eigentlich erzählt sie von einer losen Gruppe von Personen, die wie Motten um einen Schauspieler herum kreisen, ihm zu nahe kommen, oder nur am Rande in Berührung mit ihm stehen. Sie alle versuchen ihrem Leben irgend eine Form von Sinn abzugewinnen. Sowohl Jahre vor als auch Jahrzehnte nach der Pandemie. Einige Dinge ändern sich eben nie im Leben.

Die Slasher Filme der 80er waren Meilensteine des Horrorfilms und werden von Grady Hendrix in The Final Girl Support Club auf intelligente Weise wieder zum Leben erweckt. Quasi ein Meta-Roman zum Thema, der geschickt mit den allseits bekannten Gesetzen des Genres spielt und dabei noch drei, vier Wendungen mehr aus dem Ärmel schüttelt, als es die Post-Meta-Slasher wie „Scream“ oder „Tucker and Dale vs. Evil“ getan haben. Trashig, pulpig, blutig, aber schnell geschrieben und mit rabenschwarzem Humor.

Download: Schriftsonar 68


Datastream:
Tom Hillenbrand: Montecrypto. KiWi-Paperback (4. März 2021). 448 Seiten. ISBN: ‎ 3462001574.

Lydia Yuknavitch: Das Lied der Kämpferin. Deutsch von Claudia Max. ‎ btb (8. März 2021). 352 Seiten. ISBN: ‎ 3442717396

Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage. Deutsch von Wibke Kuhn. ‎ Piper (1. Februar 2017). 410 Seiten. ISBN: ‎ 3492310230

Grady Hendrix: The Final Girl Support Group. ‎ Titan (1. August 2021). 399 Seiten. ISBN: 1789096065

Musik zur Sendung:
Dominik Vogel – Emails from my Future Self

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Schriftsonar Podcast#67 – Joe Abercrombie, Matt Ruff, Diane Setterfield, James Corey

Besprochene Bücher: Joe Abercrombie: Friedensklingen / Matt Ruff: 88 Namen / Diane Setterfield: Was der Fluss erzählt / James Corey: The Expanse 1-6

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Schriftsonar Podcast#66 – H. Kettlitz & C. Hoffmann, Harry Harrison

Besprochene Bücher: Hardy Kettlitz & Christian Hoffmann: Harry Harrison – Weltenbummler und Witzbold / Harry Harrison: Die Geburt einer Stahlratte / Harry Harrison: Make Room! Make Room! / Harry Harrison: Der große Tunnel

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Schriftsonar Podcast#65 – Annalee Newitz, Tamsyn Muir, Nicholas Ridge, Anna Smith Spark

Besprochene Bücher: Annalee Newitz: Autonom / Tamsyn Muir: Ich bin Gideon / Nicholas Ridge: Die Kolonie am äußersten Rande des Tages / Anna Smith Spark: Das Reich der zerbrochenen Klingen

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Das Herbstprogramm bei Memoranda

Absurderweise komme ich in diesen seltsamen Corona Zeiten gerade zu gar nichts. Um die Zeit zum nächsten Podcast zu überbrücken, weise ich hier einmal auf das Herbstprogramm von dem Memoranda Verlag hin. Ich kenne Hardy Ketlitz nun schon recht lange – „aus dem Fandom“ wie man so schön sagt. Trotzdem habe ich bisher leider kaum […]

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Schriftsonar Podcast#64 – Seanan McGuire, Tom Hillenbrand, Tim Maughan, Joe Abercrombie

Besprochene Bücher: Seanan McGuire: Der Atem einer anderen Welt / Tom Hillenbrand: Qube / Tim Maughan: Infinite Detail / Joe Abercrombie: Zauberklingen

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Ein paar Gedanken zu Diversity in der Science Fiction

Frauen dominieren das Genre? In den letzten Jahren (sagen wir mal ab 2014) finden sich auf der Shortlist für den Hugo Award immer mehr Autorinnen, die nicht mehr das althergebrachte Schema erzählen wollen von weißen Männer, die in glorreichen Weltraumschlachten die Demokratie ins All bomben. Stattdessen ist Diversity, Gender und die Suche nach der eigenen […]

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Schriftsonar Podcast#63 – Chris Beckett, Andreas Eschbach, Peter Watts, Arkadi & Boris Strugatzki

Besprochene Bücher: Chris Beckett: Beneath the World, a Sea / Andreas Eschbach: NSA – Nationales Sicherheits-Amt / Peter Watts: The Freeze-Frame Revolution / Arkadi & Boris Strugatzki: Es ist schwer ein Gott zu sein

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Schriftsonar Podcast#62 – Jens Lubbadeh, Robert Corvus, Kim Stanley Robinson, Greg Egan

Besprochene Bücher: Jens Lubbadeh: Neanderthal / Robert Corvus: Das Imago Projekt / Kim Stanley Robinson: New York 2140 /
Greg Egan: Qual.

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Memoranda (Golkonda) bei der Leipziger Buchmesse

Normalerweise weise ich hier ja nicht gesondert auf Neuerscheinungen oder Messe-Events hin und übernehme auch nicht einfach den Pressetext. Aber in diesem Fall mache ich dann jetzt mal eine Ausnahme. Weil ich Memoranda als Imprint von Golkonda sehr lieb gewonnen habe, weil Hardy Kettlitz das mit sehr viel Herzblut betreibt, weil mich die Titel alle […]

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