Schriftsonar – Der SciFi Podcast

Der Video- und Klangkünstler Paul H Williams erschafft in seinen Kurzfilmen audiovisuelle Bilder von großer Intensität. Seine Themen sind die poetische Fremdheit urbaner Strukturen und die Zwiesprache zwischen Konstruktion und Raum.

Seine filmischen Miniaturen sind Ballardian landscapes, eine visuelle Umsetzung der Themen und Stimmungen des kürzlich verstorbenen britischen Autors James Graham Ballard, genial verwirklicht in dem für uns unwirklichen Ambiente von Abu Dhabi.

Sein Film Vermilion Sands ist wirklich grandios:

Paul H Williams - Vermilion Sands

Leider hat Williams das embedding des Videos erheblich eingeschränkt, weshalb der Screenshot zur Vimeo-Seite von Paul H Williams verlinkt.

Man sollte sich seine Kurzfilme unbedingt ansehen. Kein Youtube-Fastfood für die Mittagspause, sondern Videokunst, die Zeit und Ruhe braucht.

Hintergründe zu Person und Werk gibt es auch hier:
‘Human or other; depends who comes’: the Ballardian films of Paul Williams


Der große britische Schriftsteller und Psychonaut JG Ballard ist tot. Er starb gestern, am 19. April 2009.

JG BallardNein, das hier wird kein Newsblog. Die schnellen Meldungen und Nachrufe überlasse ich normalerweise gerne anderen, die das besser können und mehr Eifer haben. Dass ich hier dennoch ein paar Zeilen zum Tode von James Graham Ballard schreibe, hat eher persönliche Gründe, denn ich muss zugeben, dass mich die Nachricht von seinem Tod berührt hat.

Ballard war ein Wendepunkt in meiner Lesekarriere. Hiermit geht es mir sicher wie vielen SF Lesern, die wie ich Ballard als Jugendlicher entdeckten.

Eine der ersten Geschichten, die ich von ihm las, war The Drowned Giant und ich war wie vom Donner gerührt. Niemals hatte ich etwas Ähnliches gelesen, die gefesselte Kraft seiner Worte und die geradezu hypnotische Ruhe seiner Bilder waren etwas völlig neues für mich. Plötzlich öffnete sich dem jungen Leser ein neuer Kosmos. Anspruchsvoll, düster und schön. Hier ging es um Menschen, die scheiterten, statt zu siegen, die umher irrten, anstatt einem klaren Kurs zu folgen.

Der Kern der Phantastik ist das Geheimnis, nicht seine Erklärung. Ballards Geheimnisse waren meist dunkel, doch sie waren nicht erschreckend. Sie waren anziehend. Mein Lieblingsroman von ihm, The Crystal World, beschreibt einen prachtvollen Untergang und auch The Drowned World ist erfüllt von der Faszination für eine Endzeit, die sich vor allem im Inneren der Personen vollzieht.

Endzeitszenarien und Katastrophen waren von jeher ein Bestandteil der Science Fiction, doch Ballard stellte die Mechanismen des Untergangs auf den Kopf. Seine Helden fliehen nicht vor der Katastrophe, sie werden von ihr angezogen. Anstatt sich an der brüchigen Struktur einer vergehenden Realität festzuhalten, begeben sie sich mitten in das Herz des Desasters, umarmen es und lassen sich von ihm verändern. Auf diese Weise zeigte Ballard auch, wie man in einer Zeit nach Hiroshima und Nagasaki, in einer Zeit nach Auschwitz und – aus heutiger Sicht – nach der Klimakatastrophe Science Fiction schreiben konnte. Ballard feiert den Pessimismus nicht, sein Weltenende ist eine Katharsis von großer menschlicher Schönheit.

RIP - BallardAll dies war für den jugendlichen Leser, der ich war, von unglaublicher Anziehungskraft. Ballard passte exakt in die Zeit meiner Jugend und war wichtiger Bestandteil einer kreativen Ästhetik, die geformt war von Psychedelic, New Wave, Godard-Filmen und Selbstfindung. Ich war hingerissen von seinen Geschichten, versuchte, seinen Stil zu kopieren und jede Nuance seines Schreibens zu verstehen.

JG Ballard wirkte auf mich auch dadurch, dass er mir die Türen zu einer Menge anderer Autoren öffnete, welche damals Science Fiction als Literatur für mich neu definierten: Christopher Priest (Der weiße Raum), Brian Aldiss (Barfuß im Kopf), John Brunner (Die Plätze der Stadt), Michael Moorcock, Thomas Disch, Alain Doremieux … und viele andere.

Ballard war der erste, der mir zeigte, was SF sein kann. Nun ist dieser Riese der zeitgenössischen Literatur gestorben. Seine Texte werden überdauern.


Gaiman - Anansi BoysMein Vater war ein Spinnengott: Neil Gaiman erzählt uns in seinem aktuellen Roman »Anansi Boys« die äußerst amüsante Geschichte der ungleichen Brüder Fat Charlie und Spider. Gaiman beweist ein ausgeprägtes komödiantisches Talent und serviert uns nebenbei brauchbare Partyrezepte: Hingehen, amüsieren, weggehen. [00:00]

Yes, Sir! Sergeant, Sir! John Scalzi legt mit »Krieg der Klone« eine besondere Variante militärischer SF vor. Alter schützt jedoch vor Dummheit nicht, weshalb wir uns fragen, ob hier nicht ein schaler Heinlein in neuen Körpern daherkommt? Kriegsmarketing oder nur seichte Langeweile? Wir melden uns zum Rapport. [12:50]

Kriege aus unerfüllter Liebe: »Diamant« von Andreas Brandhorst, eine Space Opera aus Deutschland. Doch neben Raumschiffen, Sternenreichen und Zeitreisenden finden wir hier auch Beziehungsprobleme und Midlifecrisis. Wir sprechen über eine bunte Mischung mit interessanten Motiven. [24:20]

Nachsaison in Vermillion Sands: In »Stimmen der Zeit« liegt die erste Hälfte der kompletten Kurzgeschichten des britischen Autors James Graham Ballard wieder auf Deutsch vor. Ein schöner Einstieg in die wehmütige und psychotrope Welt Ballards. Wir schlendern durch Vermillion Sands und reden über Kunst und Verfall. [34:20]

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Download: Schriftsonar 29

Datastream
Neil Gaiman, Anansi Boys (Heyne 2007 – 444 Seiten) Übersetzung: Karsten Singelmann ISBN: 3-453-26530-1 Originaltitel: Anansi Boys (2005)

John Scalzi, Krieg der Klone (Heyne 2007 – 430 Seiten) Übersetzung: Bernhard Kempen ISBN: 3-453-52267-2 Originaltitel: Old Man’s War (2005)

Andreas Brandhorst, Diamant (Heyne 2004 – 588 Seiten) ISBN: 3-453-87901-5

James Graham Ballard, Die Stimmen der Zeit (Heyne 2007 – 982 Seiten) Übersetzungen: Wolfgang Eisermann, Charlotte Franke, Alfred Scholz, Michael Walter / Bearbeitung: Angela Herrmann, Hannes Riffel ISBN: 978-3-453-52229-9 Originaltitel: The Complete Short Stories, Part 1 (2001)

Musik zur Sendung: Carccia, Oeler, Taschenrechnermusikant, Michael G. und Melmondo – auf Various Artists, erschienen bei www.dcc-records.de (dcc2rnt-va)


J. G. Ballard - Kristallwelt(Produziert beim Freien Lokalfunk Köln, Erstsendung bei Radio Köln am 24.9.2005)

Es spricht der geliebte Bausenator: Bang Bang stirbt von Rob Alef, eine Satire aus dem Berlin der nahen Zukunft. [00:00]

Einmal Hölle und zurück: In seinem neuen Roman Morphogenesis besucht Michael Marrak die Unterwelt. [12:05]

Die Schönheit des Weltenendes: Der New Wave Klassiker Kristallwelt von J.G. Ballard. [22:10]

Was Sie schon immer über SF wissen wollten… The Cambridge Companion to Science Fiction von Edward James und Farah Mendlesohn (Ed.) [31:45]

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Download: Schriftsonar 19

Datastream
Rob Alef, Bang Bang stribt (Shayol 2005 – 256 Seiten)

Michael Marrak, Morphogenesis (Lübbe 2005 – 684 Seiten)

James Graham Ballard, Kristallwelt (Edition Phantasia 2005 – 159 Seiten) Übersetzung: Joachim Körber, Originaltitel: The Crystal World (1966)

Edward James und Farah Mendlesohn (Ed.), The Cambridge Companion to Science Fiction (Cambridge University Press 2003 – 326 Seiten)

Musik zur Podcastfassung:

Elliptic – Fractional EP [iD.008] – www.ideology.de


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