Schriftsonar – Der SciFi Podcast

In the Interests of SafetyBig Brother lässt grüßen: Cory Doctorow zeichnet in seinem Jugendroman Little Brother ein realistisches Bild der amerikanischen Terror-Paranoia und den daraus resultierenden Einschränkungen der Grundrechte. Die Hauptfigur Marcus Yallow gerät in die Fänge des Heimatschutzes und hätte mal lieber nicht auf seine Rechte bestanden, denn dadurch bekommt er die gesamte Macht des Überwachungsapparats am eigenen Leib zu spüren. Doch nach seiner Freilassung gibt er sich nicht geschlagen und nimmt den scheinbar aussichtslosen Kampf um die Freiheit mit seinen Hackerfreunden auf.

Whistleblower sind Verräter: Marcus Yallow hat vielleicht eine Schlacht gewonnen, doch der Kampf um die Bürgerrechte geht weiter. In Homeland, der Fortsetzung von Little Brother. geht es nun um den Umgang mit Whistleblowern, das „Leaken“ von brisantem Material, das Unterwandern von Bürgerrechtsbewegungen und den verzweifelten Versuch das Richtige im Falschen zu tun. Cory Doctorow weiß wovon er schreibt und gibt viele Handreichungen und praktische Tipps für all die jungen und alten Menschen, die das Gefühl haben etwas tun zu müssen und für ihre Grundrechte einstehen wollen.

Früher we were free: Colin Free tourt mit seine Crap Metal Band SchrottT durch ein Deutschland, das sich seit der Privatisierung der Polizei bizarr verändert hat. Die Mafia, der Vatikan, die Nigeria-Connection, Nazis und Scientology wachen nun in den einzelnen Bundesländern über Recht und Ordnung, bzw. über das, was die jeweiligen Machthaber dafür halten. Uwe Post schickt seine Protagonisten auf eine Tour de Force durch groteske Sicherheitschecks, absurde Konzertsituationen, bizarre Meet & Greets mit den jeweiligen Polizei-Funktionären und nicht zuletzt extrem bizarre Verhörsituationen. Ein sarkastischer Abgesang auf den Überwachungswahn, bei dem einem mitunter das Lachen im Hals stecken bleibt.

Wieso dürfen wir keine Wasserflaschen mehr mit in Flugzeuge nehmen? Wer sich das auch schon immer gefragt hat und mit den offiziellen Antworten bisher unzufrieden war, findet in dem Buch In the Interests of Safety von Tracey Brown und Michael Hanlon verblüffende Antworten. Viele Regeln, die vermeintlich unserer Sicherheit oder wahlweise Gesundheit dienen, existieren oft aus ganz anderen Gründen als den angenommenen. Die beiden Autoren haben einen wunderbaren Fragekatalog entwickelt um die teils absurden Regeln zu hinterfragen und arbeiten ihn Stück für Stück ab. Dabei lernen wir, wie wir selbst an den richtigen Stellen Dinge hinterfragen sollten und worauf es wirklich beim Thema Sicherheit (oder auch Gesundheit) ankommt. Eine wunderbares Buch um ein wenig Sachlichkeit in den Überwachungs-Diskurs weg vom blinden Aktionismus zu bekommen.

Download: Schriftsonar 49


Datastream:
Cory Doctorow: Little Brother (rororo 2011 – 496 Seiten), Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, ISBN-10: 3499257823

Cory Doctorow: Little Brother – Homeland (Heyne 2013 – 480 Seiten), Übersetzung: Oliver Plaschka, ISBN-10: 3453268830

Uwe Post: SchrottT, (Atlantis 2013 – 230 Seiten), ISBN-10: 386402126X

Tracey Brown & Michael Hanlon: In the Interests of Safety (Sphere Books 2014 – 288 Seiten), ISBN-10: 0751553492

Die Musik zur Sendung:

New Delhi FM – Swim (derkleinegruenewuerfel.de)

eBooks haben nur geringe Chancen, lange Romane sind die Lyrik von Morgen und Künstler werden es wieder richtig schwer haben – Cory Doctorow denkt nach über die Media-Morphosis von Zeitungen, Big Budget Filmen, Musik und Büchern.

Media-Morphosis: How the Internet Will Devour, Transform, or Destroy Your Favorite Medium

Cory DoctorowKein neues Thema, gewiss. Aber Doctorow bringt die Dinge schön auf den Punkt und fügt interessante Gedanken hinzu. Durch das Internet, so schreibt er, werden alle bisherige Medien, die im wesentlichen kommerziellen Gesetzen zu gehorchen haben, grundlegend verändert und zum Teil aufgelöst. Die Gegenargumente dieser Entwicklung sind zwar leidenschaftlich, werden aber nicht nüchtern geführt:

the rhetoric is mostly of the nonproductive “But I like it!” and “It’s good for society!” variety, with not enough thought given to whether these media are commercially viable in the Internet age.

Besonders schwarz sieht Doctorow für teure Leinwand-Epen, sogenannte BBMs (Big Budget Movies). Die immer größer werdende Lücke zwischen Produktionskosten und Gewinnen lässt sich nur noch mit enormen Anstrengungen (und einer Menge “Happy Meals Figuren”) überbrücken. Irgendwann wird sich diese Lücke nicht mehr schließen lassen. Die meisten Menschen werden Filme in Zukunft sehen wann, wo und zu welchem Preis sie wollen (einschließlich “umsonst”). Wenn die Filmindustrie sich hierauf nicht einstellt, wird es eng.

But if it’s not enough, commercially motivated BBMs might simply die.

Es wird, so Doctorow, sicher auch in Zukunft große, teure Filme geben, aber sie werden ein Randphänomen für wenige, wie z.B. die heutigen pompösen Bayreuther Wagner-Aufführungen.

Was Doctorow über den Musikmarkt schreibt, ist bereits sichtbar. Das bisherige Vertriebssystem ist am Ende. Das hat Vorteile – so wird der Liveact wieder zum eigentlich Kern des Musikerlebnisses und des Musikerlebens – und Nachteile:

There are artists who can’t perform for beans. Those artists’ futures are in trouble.

KindleBesonders interessant ist aus meiner Sicht natürlich seine Einschätzung zum Buch in der Internet-Zukunft. Dem eBook gibt er keine keine große Chancen. Seine Argumentation verläuft etwa so: eBooks sind zu teuer für einen Massenmarkt. Um ein Massenpublikum zu finden, müssen sie zusätzliche Gimmicks an Bord haben, womit sie so ablenkend werden wie ein Computer, womit sie als Leseplattform ausfallen.

And don’t talk to me about ebook readers: Single-purpose devices that cost $400 a pop aren’t going to be choice items for people who resent spending money on books. And they’re not going to drop to $40 unless they sell in quantity, and that means adding more features to catch a bigger audience — at which point your ebook reader is as distracting as a PC.

Die Argumentation ist sicher angreifbar, beruht sie doch im Wesentlichen auf der Frage, wie leicht wir uns von der Konzentrationsaufgabe Lesen ablenken lassen, doch sie hat auch einiges für sich. Auf Leute wie mich trifft sie sicher zu. Fragt sich aber, ob dies auch für den Leser der Zukunft gilt.

Das Massenpublikum der Zukunft, so Doctorow, wird durch die Gewöhnung ans Internetlesen (schnell viele kurze Texte) vielleicht sowieso von den langen epischen Romanen abkommen, ähnlich wie von langen Filmen.

If big-budget movies might turn into opera, then long-form narrative books might turn into poetry.

Den sehr lesenswerten Artikel, mit einer Menge mehr Überlegungen und Argumenten gibt es bei internet evolution:

Link: Media-Morphosis: How the Internet Will Devour, Transform, or Destroy Your Favorite Medium

Jeff Vandermeer - Ein Herz für LukretiaWiederbelebung in Disneyworld: Cory Doctorow ist ein Mr. Wichtig der digitalen Community, bloggt und verschenkt seine Bücher im Internet. Sein Debüt als Romanautor ist »Backup« über die Demokratie der Bonuspunkte und den Kampf der Freizeitparks. Wir fragen uns: Ist das Buch ein »Magic Kingdom« oder einfach nur »down and out«? [00:00]

Back to the roots: Als Abenteuer noch einfach bunt waren, schrieb Georg R.R. Martin seinen Erstlingsroman »Die Flamme erlischt«. Tolle Schauplätze, spannende Intrigen und düstere Bösewichter. Eine schöne Erinnerung an das Genre der Science Fantasy. [11:20]

Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann: In »Skorpion« bietet Richard Morgan Hard-Boiled SF mit kritischem Hintergrund. Gentech-Soldaten zwischen Jesus-Land und Freihandelszonen. Wir sprechen über Action mit Tiefgang. [20:25]

Im Reich der Sonderbaren: Jeff VanderMeer ist ein Meister der surrealen Phantastik. Die ausgezeichnete Anthologie »Ein Herz für Lukretia« zeigt die Bandbreite des Autors. Skurrile, düstere und berührende Geschichten. Wir fragen uns: Ist VanderMeer verklärend oder verstörend? [31:15]

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Download: Schriftsonar 32

passend zur Sendung:
Cory Doctorows Roman Backup und sein englisches Original Down and Out in the Magic Kingdom zum Download in Internet.

Interview mit Doctorow im Elektrischen Reporter

Datastream
Cory Doctorow, Backup (Heyne 2007 – 286 Seiten) Übersetzung: Michael Iwoleit
ISBN: 978-3453522978 Originaltitel: Down and Out in the Magic Kingdom (2004)

George R. R. Martin, Die Flamme erlischt (Blanvalet 2006 – 479 Seiten) Übersetzung: Werner Fuchs ISBN: 978-3442243181 Originaltitel: Dying of the Light (1977)

Richard Morgen, Skorpion (Heyne 2007 – 832 Seiten) Übersetzung: Alfons Winkelmann ISBN: 978-3453523562 Originaltitel: Black Man (2007)

Jeff VanderMeer, Ein Herz für Lukretia (Shayol Verlag 2007 – 283 Seiten) Übersetzungen: Diverse. ISBN: 978-3-926126-71-9 Originaltitel: Secret Life (2004) Für die deutsche Ausgabe wurde in Absprache mit dem Autor eine etwas andere Zusammenstellung gewählt.

Der allseits beliebte (und sehenswerte!) Elektrische Reporter bringt in seiner 41. Ausgabe ein Interview mit dem SF Autor und Web 2.0 – Pionier Cory Doctorow. Der Reporter schreibt dazu:

Befüllt er gerde mal nicht Boing Boing mit skurrilen Fund- und Steam-Punk-Sammelstücken, ist Doctorow als Netz-Aktivist unterwegs oder verfasst Science-Fiction-Romane. Sein Buch “Down and Out in the Magic Kingdom” beschreibt das Leben in einer Reputationsökonomie, wie sie sich in Ansätzen bereits im Internet abzeichntet.

Außerdem spricht Cory Doctorow darüber, wie das Netz unser aller Denken verändert, über kommende Bedrohungen für unsere Privatsphäre und über das RFID-Märchen.

Link

Cory DoctorowVirtuality trifft Realraum. Morgens die Ankündigung in BoingBoing, abends keine dreihundert Meter von meinem Wohnort entfernt: Cory Doctorow zu Gast beim Kölner Literatur-Happening lit.Cologne.
Die Veranstaltung war als eine der wenigen nicht seit Wochen ausverkauft. Also mal eben ums Eck, Cory Doctorow treffen. Der Abend war angekündigt unter dem poppigen und bedeutungslosen Titel »Science Fiction 2.0«. Vorgestellt wurde Doctorows neuer Roman Upload.

Cory Doctorow ist Zielgruppen-Programm. Im Publikum eine weit überdurchschnittliche Zahl von iPhone-Besitzern, die sich in der Wartezeit wichtige Programmfunktionen vorführen. Die Veranstaltung selbst die übliche Mischung aus deutsch und englisch gelesenen Buchpassagen, angereichert mit Fragen des Moderators Bernhard Robben. Die Handlung des Romans blieb trotz der Ausschnitte weitgehend im Dunkeln. Die Frage, worum es in diesem Roman geht, erschien dem bemühten und überforderten Moderator wohl zu banal.
Zudem war der deutsche Vorleser ebenso professionell wie unsicher und versprach sich in jedem dritten Satz. Als hauptberuflicher Synchronsprecher wird Tommy Morgenstern an diesem Abend nicht mit sich zufrieden gewesen sein. Doctorow dagegen war symphatisch, selbstsicher und entspannt. Ich möchte glauben, so zufrieden wirkt ein frischgebackener Vater mit Schlafdefizit.

Alle, die auf eine gute Lesung gehofft hatten, wurden dennoch enttäuscht. Die interessanten Momente waren jene, in denen Doctorow nicht über sein Buch, sondern über sich und seine Themen sprach: Copyright, Internet, Technologie und Science Fiction. Das war wohl auch, was der Großteil des Publikums erwartete. Dass der Abend trotzdem nur selten seine Versprechen einlöste, lag an einem Moderator, der sich im Umfeld von Science Fiction und Hightech so sicher bewegte wie Ursula von der Leyen bei der Präsentation eines Schwergewichtskampfes.

Ich denke nicht, dass es möglich wäre, eine Literaturverstaltung mit Minette Walters und Elizabeth George von jemandem moderieren zu lassen, der in seinem Leben vielleicht drei Kriminalromane gelesen hat, davon den letzten vor zehn Jahren.
Die Distanz, die der Literaturbetrieb immer noch zu seinem einzigen visionären Genre hat, wird nirgends deutlicher als bei dem Versuch, Science Fiction und Phantastik im Rahmen einer Mainstream-Veranstaltung zu präsentieren.
Gleiches musste ich neulich bei einer Neil Gaiman-Lesung erleben, mit dem Unterschied, dass sich Gaiman souveräner über die Inkompetenz des Moderators hinwegsetzte als der immer höfliche Cory Doctorow.

Mein 14jähriger Sohn weiß mehr über Internet und Technik als ich, bekannte der Moderator. Was zum Teufel machst du dann hier, fragte sich das Publikum. Man musste Fragen erdulden wie: »Bei Science Fiction, da denke ich immer an Aliens und Raumschiffe, deine Bücher scheinen so gar nicht dazu zu passen. Wie kommt das?«
An den erstarrten Gesichtern mit den überfrorenen Augäpfeln hätte man in diesem Moment wohl recht genau die Zahl der Zuhörer abzählen können, die Zuhause Peter Watts, Richard Morgan, M. John Harrison oder China Miéville neben dem Bett liegen haben. Glücklicherweise konterte Doctorow diese question-from-hell mit einem aufrichtigen Bekenntnis zu Raumschiffen, Aliens und Mechwar-Robots. Andere Fragen diesen Kalibers folgten, die Publikumsfragen dagegen wurden mit Verweiß auf die Uhrzeit abgewürgt, kaum dass sie begonnen hatten.

Warum nicht zum Beispiel Michael K. Iwoleit, den deutschen Übersetzer Doctorows, warum? Warum nicht einen gut vorbereiteten, eloquenten und genrekundigen Moderator? Warum nicht jemand, der sich auf Augenhöhe mit Doctorows Themen bewegen kann?

Es bleibt, wie es war:
Don’t believe the hype, it’s a ghetto.

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