Schriftsonar – Der SciFi Podcast

Die japanische Roboter-Firma Kokoro hat eine Robotkrankenschwester entwickelt, die mit einer guten Maske und ausgefeilter Mimik verblüffend (erschreckend?) menschlich wirkt. Es scheint, als bauten wir menschliche Roboter, weil wir menschliche Roboter wollen, nicht unbedingt, weil wir sie brauchen.

Noch ist dieser Android telemetrisch ferngesteuert, aber falls die Singularitätsjünger des Propheten Kurzweil Recht behalten (was ich persönlich allerdings bezweifle), dann könnte so etwas eine zukünftige Hülle agierender AIs sein.

Ich finde es faszinierend, mit welchem Eifer wir an der Erfüllung unserer technologisch-phantastischen Ikonografien arbeiten. Der britische Autor Brian Aldiss nennt die Geschichte um Frankenstein und sein Geschöpf als Geburtsstunde der Science Fiction.
Immer mehr werden nun die Archetypen der Science Fiction zu Blaupausen unseres Fortschritts. In diesem Fall im Gewand des künstlichen Menschen.

Mir scheint das weniger eine technologische als eine kulturelle Entwicklung zu sein. Wir wollen einfach, dass es solche Wesen gibt. Und sei es nur, um uns hinterher vor ihnen zu gruseln.

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Das Unternehmen Kokoro kommt übrigens aus der Unterhaltungsbranche. Sie machen auch Robotersaurier, Tiere und Spielzeugroboter. Die eigenen Marketing-Worte der Firma könnten aus einem SF-Film der 80er Jahre stammen:

Since it was established in 1984, Kokoro has developed a wide variety of robots including dinosaurs, animals and humanoids based on the main theme “touch the hearts of the people”.

Kokoro’s “Mechatro-Art” techniques are created by our delicate blend of sophisticated art techniques and life-like movements. This unique perspective has made the name of Kokoro and our trademark “Doukoku – moving sculpture” known in the entertainment industries around the world.

Das erinnert mich an eine andere Firma,
mit einem anderen Motto:

More human than human.


Die Diskussionen über die Zukunft des Buches und des Buchmarktes sind in vollem Gange. Technologisch wird dieses Thema jedoch von IT-Entwicklern und Thinktankern beherrscht, die sich mit vielem beschäftigen. Aber nicht viel lesen.

Als Science Fiction- und Bücherfan fühle ich mich quasi von zweiten Seiten von dem Thema betroffen. Es gibt jede Menge Konzeptstudien zur Zukunft des Buches. Was ich jedoch in ihnen vermisse, ist das, worum es beim Buch geht. Um’s Lesen. Wir können blättern, chatten, klicken, wir erfahren alle Referenzen, sind vernetzt und können sogar selbst mitmachen! Nur … einen längeren Text lesen werden wir auf diese Weise nicht mehr.

Es sind Bücher von wenig-Lesern für nicht-Leser. Bücher für Menschen, die höchsten in Büchern lesen. Die aber kein Buch lesen.

Hier ein gutes Beispiel. Eine Studie zur möglichen Zukunft des Buches von der Agentur IDEO. Ich wette, die beteiligten Designer und Entwickler lesen nicht mehr als ein oder zwei Romane im Jahr. Wenn überhaupt.

Irgendwie ist das, als würde man die Zukunft der Kindererziehung mit lauter kinderlosen Singles diskutieren. Da beschleicht mich die Frage, ob zukünftige Generationen überhaupt noch die mentalen Fähigkeiten haben werden, um einen 800 Seiten Roman zu lesen?

Ein vollkommen immersiver Akt, die wunderbare Erfahrung, regungungslos zu sitzen und einfach nur zu lesen, während dabei etwas in meinem Bewusstsein geschieht. Ohne mit den Fingern auf den Seiten rumzuzappeln, ohne dreißig Tweets zu füttern, ohne sich durch interaktive Aufgaben zu klicken. Einfach nur dasitzen, Worte lesen. Stundenlang und ohne etwas anderes zu tun als gelegentlich am Kaffee, Tee oder Wein zu nippen. Während in mir ein Universum entsteht.

Ich meine diese Gedanken nicht (nur) kulturkritisch. Früher wurden die Menschen durch Stummfilme geängstigt und gefesselt. Heute hält der ungeübte Zuschauer die langsame Bildsprache und die expressiven Gesichter mit den musikalischen untermalten Emotionen kaum noch aus.

Bruce Sterling beschreibt in The Caryatids, wie die Menschen der Zukunft nicht mehr in der Lage sind, Spielfilme zu sehen, weil ihre Wahrnehmungsmuster und ihre Aufmerksamkeitspanne sich nicht mehr auf eine lineare Zwei-Stunden Handlung konzentrieren können.

Werden die neuen digitalen “Bücher” die immersive und intime Leseerfahrung verschwinden lassen? Werden die Leser der Zukunft Bücher wie Moby Dick, Wüstenplanet oder Cryptonomicon nicht mehr lesen können, weil sie in einer Welt hyperaktiver Gadgets und minimaler Konzentrationsspannen leben?

Mal im Ernst, wer kann heute noch einen ganzen Nachmittag auf der Couch sitzen und ein Buch lesen. Ich meine nicht, wer hat noch die Zeit dazu? Ich meine: Wer ist mental noch in der Lage, solch ein Erlebnis mit sich selbst zu teilen? Werden wir zu hyperaktiven Häppchen-Lesern mit blinkenden Klick-Blätter-Biep-Kisten auf dem Schoß?

Die Designer solcher Studien scheinen es zu sein.


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